Musik - 27.02.11 -

Bizarres Blues-Folk Meisterwerk

Duke Garwoods schräge Traumschiffsafari

Vor zwei Jahren war Duke Garwood hierzulande noch ein unbeschriebenes Blatt. Dann tourte er im Sommer 2009 im Vorprogramm der Acoustic Sessions von Mark Lanegan (Screaming Trees, Soulsavers, Gutter Twins) und Greg Dulli (Afghan Whigs, Gutter Twins) durch deutsche Clubs und zog ebenso wie der zweite Guest Act Jimmy Gnecco viel Aufmerksamkeit auf sich. Gerade ist “Dreamboatsafari” das neue Album des Londoners erschienen – eine musikalische Abenteuerreise für alle, die mal in unerkundete Klanggegenden und exotische Songwildnis vordringen wollen.

Seinerzeit präsentierte Garwood Songs des Albums “The Sand That Falls” und der EP “He Was A Warlock” und erstaunte das Publikum mit seinem Blues getränkten Folk, dessen Markenzeichen extrem verstimmte Gitarren waren, was den Songs eine schräge gespenstische und faszinierende Atmosphäre verlieh. Das neue Album in Bandbesetzung knüpft an diese Eigenartigkeit an, geht aber weit darüber hinaus und schafft einen dichten, abgründigen und extravaganten Sound, der ein Drahtseil zwischen Songwriter-Blues und Alternative Folk spannt, über das der Brite traumwandlerisch sicher wandelt.

Gleich der Beginn mit “Jesus Got A Gun” ist ein schräger, kauziger Gospel, in dem es zu einer seufzenden rostigen Gitarrensaite klappert und raschelt als stünde der Geist von Tom Waits im Beichtstuhl, um Sündern Absolution durch das Herbeibeten neuer Sünden zu erteilen. Otis Taylor, Johnny Dowd und Charlie Parr sind weitere Namen, die einem als entfernte Vergleichsgrößen durch den Kopf gehen. “Gods In My Own Shoes” hat diese typisch leiernde und hallende Gitarre, die den besonderen Sound von Duke Garwood ausmacht, angereichert um raffiniert arrangierte Gesangslinien. Auch hier die reichlich Ecken und Kanten, die des Musikers Individualität kennzeichnen.

Der “Panther”, der da durchs Dickicht eines Songtorsos streift, ist der durch eine Dschungel-Dunkelkammer kriechende Schnappschnuss eines einstmals wilden Wesens, das die im schönen Rilke-Gedicht angedeutete schleichende Hospitalisierung der Raubkatze in eine von Dämonen gefangene Kreatur verwandelt hat – eine aussterbende Tierart, deren letzte Seufzer man hier miterlebt. Schaurig großartig!

In “Gold Watch” überführt Garwood den Blues in eine Indie-Pop-Version, die zwischen Arcade Fire und J.J. Cale in ein Delirium aus Geräuschen fällt. Auch in “Space Trucker Lady” lässt der Brite es überall zwischen den Saiten klicken, klacken, scheppern und schrillen, haucht von fern läufige Lyrics über dieses schwebende, heimatlose Klang-Etwas. Das erinnert an den frühen Hugo Race und beschwört den Geist der zarten Seite von Jim Morrison auf unheimliche Weise.

“Summer Gold” ist da abwechslungsweise schon fast ein fröhlicher Space-Country-Blues, von einem verzerrten E-Gitarren-Strang durchzogen, der sich Mühe gibt, ein Love Song zu sein. Ein ungewöhnlicher versteht sich. So wie “Wine Blood” die wunderbare Skizze einer verwundeten Seele ist, die sich die blutigen Nylonseiten aus dem Körper reißt. “Gengis” dröhnt wie ein Gebirge von Geräuschen, die verzweifelt nach einer Melodie suchen, die sie aus dem ewigen Fels in den freien Fall befreit.

Das Instrumental “Tapestry Of Mars” versieht Garwood mit einer fast Free Jazz artigen Saxophonphrase, die zu schweren Orgelatmern und angetrieben von schlaflosen Drums eskaliert. Ein sich selbst auffressendes Monster, das an einem Bissen Gitarre erstickt. Auf “Flames Of Gold” bringt der Songwriter zum dritten Mal dieses edle Metall ins Spiel und wieder ist da kein Glanz, sondern nur düstere Patina, unter der es nicht flammt, sondern luziferisch lodert. Unruhig über hohes Bass-Fieber halluzinierend stimmt Garwood “Rank Panache” an, man hört einem bisher unentdeckten gefährlichen Bluesvirus dabei zu, wie er sein Wirtstier anspringt und infiziert.

Bei “Taras Bulbous” handelt es sich um einen angeschossenen Instrumental-Guerillero, der mit seinem Gitarren-Gewehr ziellos durch die Gegend ballert und dabei jeden verfügbaren Ton trifft. Und zum Schluss gibt Duke Garwood dann den “Larry”, der seine Saiten noch mal richtig ausleiert, damit Klapperschlangen dressiert, um sich schließlich in einen durch die eigene Musikwasserpfeife ausgelösten Opium-Rausch fallen zu lassen.

Würden räudige, getretene Straßenköter auf verstimmten Instrumenten den Blues ihres Außenseitertums spielen, eine jaulende Musik, zu der man nachts in den Hinterhöfen die Fenster aufreißt und mit Essensresten nach den Viechern wirft, damit sie endlich Ruhe geben, so müsste das klingen. Sonderbar wunderbar, von einer seltsamen Ästhetik, schmutzig schön, ergreifend.

Keine leichte Kost, aber exzellente exzentrische Feinkost, wie man sie nur selten zu hören bekommt. Das bizarre Meisterwerk des Grenzgängers Garwood im Geiste eines Captain Beefheart! Mit Sicherheit eines der Lieblingsalben von Don Van Vliet im Jenseits.

www.myspace.com/dukegarwood

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