Musik - 20.02.11 -

Fortsetzung des hypnotischen Trips

Das Album als Gespenst – Radioheads Geist

1. Nein, ich werde nicht im Überschwang der freudigen Überraschung “The King of Limbs” zum Album des Jahrtausends erklären. 2. Das neue Werk scheint zunächst nur ein weiteres fesselndes Album von Radiohead, wächst aber mit jedem Mal auf monströse Größe. 3. Die Kultband ist und bleibt mit diesem unverhofften Coup die Ausnahmeerscheinung des Rock, auch weil sie sich als wirklich independent erweist.

Denn ein Album ohne Vorankündigung zu veröffentlichen und dann – wie schon beim Vorgänger “In Rainbows” – erst einmal exklusiv in Eigenregie zu vermarkten bevor es offiziell in den Handel gelangt, dass kann sich nur eine Band wie Radiohead erlauben, die über Unabhängigkeit, Künstler-Selbstverständnis und Rückgrat verfügt, die eine ungeheure Reputation als Innovations-Institution bei echten Musikfans besitzt und die so in sich selbst ruht, dass sie konsequent ihr Ding macht ohne jede Anbiederung an das Publikum oder nötige Rückendeckung des Musikbusiness. Allein das verdient höchsten Respekt.

Vor allem ist es dann aber diese originäre, nicht zu vergleichende und nicht zu kopierende Klangwelt von Radiohead, diese magische Musik als Vision, die aus anderen Sphären zu stammen scheint, dieser magnetische Sog von Songs als Skizzen, Fragmente der Vollkommenheit, die einen auf seltsame Weise anziehen, obwohl sie doch befremden. Radiohead sind musikalische Rattenfänger, die es schaffen, Hörer an einen akustischen Schnittpunkt von Vertrautem und Unbekanntem zu führen, Neugierde zu erschaffen, die den Schritt über Hemmschwellen zu gehen wagt.

Nicht von ungefähr ist Radiohead die Band, die mit keiner anderen Band verglichen wird, sondern selbst stets als Vergleichsgröße und Inspirationsquelle für andere innovative Rockmusik zitiert wird. Thom Yorke, Colin Greenwood, Johnny Greenwood, Ed O’Brien und Phil Selway sind das kollektive Klangmaß der Dinge und auf dem Bedeutungs- und Wirkungsniveau von Pink Floyd und David Bowie.

Und nach dieser langen Vorrede sind wir dann auch endlich bei “The King Of Limbs”, das die Flughöhe des Vorgängers “In Rainbows” hat und den Soundtrip um knapp 40 Minuten verlängert. Insbesondere hat das Werk genau die seltsame Aura, die einen auch am so plötzlichen Vorhandensein quasi aus dem Nichts irritiert. Es kommt klanglich daher wie eine Erscheinung, ein Gespenst und so geisterhaft klingt es fast durchgehend. Dieser Klangraum ist eine imaginäre Kathedrale, vergleichbar dem Entwurf der Colinia Güell Kirche des spanischen Architekten-Genies Antoni Gaudí, dessen Hängemodell als Architektur-Modell schlechthin gilt.

In medias res Track für Track:

“Bloom” ist gleich zu Beginn ein irrlichterndes Flackern von Wahn und Genie aus einem Schwelbrand von monotonen Rhythm Patterns, einer fließenden Elektroquelle, Basstaumel und Synthiefackeln. Über all dem haucht Thom Yorke leise in die Glut, bis sie als Echo verknistert.

“Morning Mr. Magpie” lässt aufgeregte Beats aus der Box, um Mr. Magpie aufzuwecken. Sanfte Gitarrenstromschläge lassen ihn wie eine Marionette zappeln, der Basspillen eingeworfen werden, um sie mit Sphärenwasser runterzugurgeln. Yorke agiert als Coach für Bewusstseinerweiterung.

“Little by Little” ist ein verwundeter Torero auf dem Sterbebett, der sich eine spanische Gitarrentarnkappe aufgesetzt hat, um die Stiere zu beweinen, die er getötet hat. So wird in der Kirche Radiohead gebeichtet. Gesegnete Riffs, Rhythmen, Reime als Absolution.

“Feral” besucht die Gehörgänge mit außerirdischen Tanzbesessenen. So was wird in den Discos der Zukunft gespielt. Ihr werdet über Milchstraßenparkett zappeln, Sterne auf der Stirn tragen und Euch gen Supernova verneigen, den Neoncocktail in der Hand.

“Lotus Flower” erblüht als synthetische Pflanze zur Beat-Schönheit, die Yorke umflirtet, als müsse er sie ständig mit Versen gießen, um ihr Verwelken zu verhindern. Eine Blume, die aus “In Rainbows” hinübergewachsen ist.

“Codex” zieht einen Kondensstreifen von Traurigkeit durchs Universum, wirft Kometen aus ihrer Bahn, lässt Mond und Sonne Arm in Arm die Unendlichkeit beweinen. So verloren und einsam wie dieser Traum von Song sind wir in der Welt und doch sind diese barmende Stimme, dieses verzweifelte Piano, diese künstlichen Bläser voller unbegreiflichem Trost. Der Rest ist Geräusch, Frequenz, verebbende Tonspur unserer Existenz.

“Give Up The Ghost” ist dann plötzlich gar nicht so gespenstisch wie die Klang-Chriffrierung zuvor hat erwarten lassen. Yorke verwandelt sich vom Erz- in einen Erdengel, der über den Boden geht wie über Wasser. Kein Zweifel, dass der Begriff Geist etwas Spirituelles meint und zugleich die Vorstellungskraft, wie sie sich hier als ferner Klang offenbart.

“Separator” ist Programm. Radiohead trennen sich als Weizen von der Spreu. Das ist für die Charisma-Charts, eine Art Kassiber an Can und ihr “Tago Mago” – ein einziges Mal zeigt das Klanggeschöpf seine Gen-Struktur, um sie gleich wieder mit einem Gitarrentuch zu verwischen.

This is the end Rezensent. “Where i end and you begin”

Sorry, anders als assoziativ lässt sich der musikalische Kosmos der Soundsphinx Radiohead nicht mehr beschreiben. Diese Unberechenbarkeit vereint mit Undurchschaubarkeit und Unerklärbarkeit. Wäre ein James Blake und der momentane Hype um diesen jungen Innovator denkbar ohne Radiohead? Nein, denn sie haben ihm die Spur gelegt! Im Grunde genommen ist er ein mutiger Epigone der einflussreichsten Band der Gegenwart. Dutzende von Bands und Solomusikern haben sie inspiriert, das Risiko zu suchen, das Drahtseil, den Abgrund, um an und über die Grenzen hinaus Musik neu zu erfinden oder zumindest neue Klänge und Sounds zu finden.

Schon beim zweiten und dritten Durchhören breitet sich dieser geheimnisvolle Geist von “The King Of Limbs” vollends aus, schleicht durch die Synapsen und gibt zu verstehen, dass man nach latenter anfänglicher Skepsis doch wieder in eine neue Dimension von Musik gelangt ist, dass Radiohead abermals Türen zu neuen Soundräumen geöffnet haben in – wie assoziiert – Klangkathedralen von Gaudí ‘schen Ausmaßen. Ja, das ist eine endgültige Heiligsprechung!

P.S.: Radiohead setzten wirklich Grenzen außer Kraft. Darum ausnahmsweise an dieser Stelle mal der Verweis auf einen Kritiker-Kollegen, der wirklich eine exzellente Rezension verfasst hat, die ich allen empfehlen möchte. Der Mann heißt Erich Renz und hat das Album für laut.de spontan auf großartige Weise besprochen. Kompliment!

www.thekingoflimbs.com

www.radiohead.com/deadairspace

www.myspace.com/radiohead

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