Musik - 17.02.11 -

Indie-Königin krönt ihr Werk

Grandios: PJ Harveys Lamento und Liebeserklärung für England

Rule Britannia! kann man mit der inoffiziellen Hymne des British Empire derzeit nur die großen musikalischen Würfe englischer Musiker feiern. Und das gleich zum zweiten Mal im Februar. Nach dem Sensationsdebüt von James Blake legt nun PJ Harvey mit “Let England Shake” ein weiteres Indie-Meisterwerk vor, das sich zudem noch ausschließlich mit dem Heimatland, seinen Vorzügen und Defiziten in Politik, Kultur und Natur beschäftigt. Und das auf gewohnt intensive Harvey-Weise.

Vor 4 Jahren lieferte PJ Harvey nach zuvor schon hervorragenden Alben mit “White Chalk” ihre bisherige Glanztat ab, die ebenso faszinierte wie irritierte. Dieses Werk war ein akustisches Gespenst, das bis heute in den Indieherzen herumgeistert, von überirdischer, morbider Schönheit. Für mich eines der herausragenden Alben der ersten Dekade dieses Jahrtausends – denn selten wirkte ein Album so intim, offen, verletzlich und in all dieser Schutzlosigkeit so stark.

Kann man, darf man, muss man “Let England Shake” nun mit dem Meilenstein “White Chalk” vergleichen. Ja, unbedingt! Denn beide Alben haben in ihren Wirkung viel gemein. Entscheidend zwischen diesen beiden Stimmungs-Polen ist der Perspektivwechsel. Zeigte sich Harvey auf dem Vorgängeralbum noch introspektiv und brachte ihre Empfindsamkeit aus dem Dunkel ans nicht viel hellere Licht, so richtet sich Polly Jean auf “Let England Shake” nach außen und teilt ihre Befindlichkeit mit über alles, was die englischen Wurzeln in ihr zutage fördern.

Waren es zuvor die frisch erlernten und sehr wirkungsvoll eingesetzten Pianoklänge, die auf dem kreidebleichen Album dominierten, sind es hier wieder mehr die Gitarren und vor allem die Autoharp, die für die wiederum sehr eigene Atmosphäre des Albums verantwortlich sind, das in einer alten Kirche in Dorset aufgenommen wurde mit den Langzeit-Weggefährten Mick Harvey, John Parish und Flood. Dieses instrumentale Grundgerüst wird ergänzt um sehr akzentuierte Klangfarben, die mal als Kavallerie-Bläser, mal als arabische Gesangsfetzten und mal als Streicher-Hauch über die fabelhaften Songs getupft sind.

Und damit sind wir beim eigentlichen. Die Art, wie PJ Harvey Songs schreibt, sucht seinesgleichen, immer haben sie Ecken und Kanten und Widerhaken und vermeiden damit selbst im Hymnischen das Gewöhnliche. Das macht diese Musikerin wirklich außergewöhnlich, das macht dieses emotionale Kaleidoskop so faszinierend wie seinerzeit das klangliche Alter Ego auf dem Drahtseil der Melancholie.

Wie sie dem Heimatland zugleich die Leviten liest und ihre Liebe erklärt, das ist bravourös und England kann sich stolz und glücklich schätzen, eine solch treue und bekennende Künstlerseele in seinen Reihen zu wissen. Auch wenn das Album mit der Songzeile “England’s Dancing Days are done…” im Titelsong gleich mal Kritik übt, verpackt in einen lebendigen Indie-Pop-Song, der fast harmlos erscheint und damit umso mehr Tiefe offenbart. Hat man je eine Liebeserklärung wie “Last Living Rose” gehört, die das Graue, Trostlose, Neblige, Stinkige dem Rest Europas vorziehen, mit schrägen Bläsern verziert? Nein!

Das ironische “The Glorious Land” zieht mit besagten klanglichen Kavallerie-Assoziationen gegen britische Kriegsbeteiligung zu Felde und verfügt mit Pollys wandelbarer Stimme und einem wunderbaren Gitarren-Twang über bessere Waffen zum Schutz der britischen Kinder. Fabelhaft! Nicht weniger beeindruckend, wie PJ Harvey in “The Words That Maketh Murder” perfide politische Strategien seziert, auf die Verführung mit Worten, die mit dem blutigen Fleisch von Soldaten endet. Das sind starke Bilder wie sie seinerzeit Bob Dylan‘s in seiner Bomben-Metphern “A Hard Rains A-Gonna Fall” verwendete.

Fast überirdisch schwebt “All And Everyone” herein, das aber ebenfalls den Tod zum Thema hat und sich langsam steigert zum eindringlichen Lamento – der Song als Schlachtfeld. Im anschließenden “On Battleship Hill” wird das sogar zum Titel eines Songs, der die Aura aus “White Chalk” aufgreift. Der Gesang von Polly und Mick Harvey über den glitzernden Shoegaze-Gitarren, abgerundet mit tänzelnden Piano-Verzierungen ist eines der Highlights des Albums. Bewunderndes Staunen über diese Dichte und Tiefe. Bravo!

Schon leiert mit verbeultem Saitenklang und klagendem arabischem Gesang das nächste unglaubliche Lied herein. “England” ist dann wirklich das ultimative Bekenntnis zur Herkunft. “I live and die through England. It leaves sadness.” Einfach ergreifend, wie PJ Harvey ihre Liebe zu erklären versteht, die bittersüß ist wie alle großen Lieben. Mit dem zarten Rocksong “In The Dark Places” erfährt das Album eine weitere musikalische Facette, die sich nahtlos ins Gesamtkonzept einfügt. Solche Songqualität in Reihe ist schier unglaublich. Hier veredelt mit feinen Bläserakzenten und Chorstimmen.

Mittlerweile dürfte jedem Leser klar sein, dass “Let England Shake” Maßstäbe setzt, schon deshalb, weil die 41jährige Harvey hier zur Polly Jean D’Arc avanciert – möge ihr das Schicksal der französischen Freiheitskämpferin bitte erspart bleiben. Mit “Bitter Branches” legt die Britin gleich noch ein kräftiges Stück Rockkultur nach, das mit seinem verhallten Gesang und den wohl temperierten Percussions sehr atmosphärisch daherkommt.

“Hanging In The Wire” taumelt traumverloren mit einer einnehmenden Melodie umher in die Schattenwelten, die wir vom Vorgänger kennen. Das Verletzliche, Hymnische nimmt in den Schlussmomenten des neuen Albums noch einmal die vertraute Gestalt an. “Written In The Forehead” scheint aus einem Grenzbereich zwischen Diesseits und Jenseits zu stammen – musikalisches Fegefeuer.

Das Ende des Albums sieht PJ Harvey mit Mick Harvey abermals zu feinen Gitarrensounds von John Parish in Harmonie-Gesang vereint. Im ansatzweise optimistisch wirkenden “The Colour Of The Earth” scheint die Musikerin sich schließlich doch England und der Welt zu versöhnen. Und wir bleiben abermals so verstört wie hingerissen zurück angesichts dieser hohen Kunst des Songwritings.

PJ Harvey hebt sich damit endgültig auf die höchste Ebene der ganz großen weiblichen Musikinstanzen und deren Aushängeschild Patti Smith. Die Engländerin avanciert immer mehr zur britischen Variante der amerikanischen Ikone. Und das ist gut zu wissen, dass endlich eine die Lücke zu schließen vermag, wenn Patti Smith sich noch rarer macht als bisher.

Mit Sicherheit wird dieses Album in den Bestenlisten des Jahres ganz weit vorne landen. Grandios! God save the queen und unbedingt auch Polly Jean!

www.pjharvey.net

www.myspace.com/pjharvey

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