Musik - 18.01.11 -

Fantastisches Debütalbum

Anna Calvi – Wir schwärmen mit Brian Eno und Nick Cave

2009 und 2011 standen die Debütalben des Jahres relativ spät fest, weil The XX und “The Fool” von Warpaint bei uns erst gegen Jahresende erschienen. Das dürfte sich nun ändern. Denn bereits im Januar 2011 liefert die Songwriterin, Gitarristin und Sängerin Anna Calvi einen Erstling ab, der in der Kategorie Newcomer schwerlich zu toppen sein dürfte. Ein Album mit superben Songs, stilistischer Vielfalt, dichter Atmosphäre und exzellenten Gitarrenklängen, das einen Staunen macht.

Die 10 Songs vibrieren vor Spannung, der man sich vom ersten magischen Akkord an hingibt. Sogar der große, ansonsten eher zurückhaltende Soundmagier Brian Eno ist völlig hingerissen und lobt Anna Calvi über den grünen Klee. Recht hat er und wird bestätigt durch Indie-Ikone Nick Cave, dessen Grinderman die junge Dame bereits supportete. Und auch die Fachpresse ist sich von NME über MOJO bis UNCUT einig in der Einschätzung, dass der 28jährigen Londonerin ein großer Wurf gelungen ist. Dieser ist geprägt von Selbstbewusstsein, Souveränität und auch Mut.

Seit dem fabelhaften “The Empyrean” von John Frusciante hat es keiner mehr gewagt, ist es keinem mehr gelungen, mit einem Instrumentalstück zu eröffnen und damit alle Tore in die Atmosphäre eines Albums weit aufzureißen. “Rider To The Sea” schafft genau das – im Stil von Ennio Morricone packt Calvi einen Klangmagneten auf den Tonabnehmer ihrer Gitarre und hat uns schon mit dem Lasso eingefangen. Was für ein formidabler Auftakt.

Mit “No More Words” twangt und säuselt sich die britische Halbitalienerin umgehend in tiefere Herzregionen. Gefolgt von einem “Desire”, das beginnt wie einer der frühen 16 Horsepower Songs (da steht bald die Best Of “Yours Truly” an) und dann umschaltet auf eine Stimmung zwischen Patti Smith und Chrissie Hynde. Schon legt Anna noch eine Schüppe nach und kommt uns mit großer Hymnen-Geste und dem Geheimnis von Siouxsie Sioux entgegen. “Suzanne And I” hat genau die Dosis Pathos, die ein solcher Song vertragen kann.

Dann macht die junge Musikerin auf Circe und schwelgt in “First We Kiss” mit leicht von Jazz durchsetzten Gitarrenklängen. Hier ist ein wohltuender Schuss Cat Power (lange nichts gehört) und Joan Wasser (Joan As A Police Woman) drin, von der ja auch aktuell großes Neues ansteht. “Bei “The Devil” spielt Anna Calvi ein weiteres Mal die Stärke ihres kristallklaren räumlichen Gitarrenklangs aus und weiß mit der intensiven Stimmung hochgradig zu faszinieren. Das ist ein fantastischer Song an der Schnittstelle von Rose Kemp und PJ Harvey, deren Spezi Rob Ellis dieses Album auch produziert hat.

Es folgt ein “Blackout”, aber nur im Songtitel, ansonsten ist auch dieser düster dräuende Cure-Marsch ein Volltreffer. Und dann folgt mein persönlicher Favorit des Albums “I’ll Be Your Man” das Vollblut-Blues-Feeling mit Post-Rock-Attitüde verbindet. Ach, wenn das der gute Jeffrey Lee Pierce noch hätte erleben dürfen – ein weibliches Pendant zu seinem “Idiot Waltz”. Grandios!

Das “Morning Light” ist als solches schwer zu erkennen, weil doch auch in diesem Song die dunklen Farben überwiegen, die sich aber alle Mühe geben, so etwas wie Euphorie zu erzeugen. Aber selbst aus dem Schatten kommend, überstrahlt der Song noch klar reihenweise durchschnittliche Massenware. Anna Calvi hat einfach das gewisse Etwas, das Besondere, dass dieses Album zwangsläufig auch zu etwas Besonderem macht. Wenn sie sich mit “Love Won’t Be Leaving” zum ersten Mal von uns verabschiedet, wächst schon die Sehnsucht bald wieder von ihr zu hören. Genau das und auch einiges von der Atmosphäre hat sie eben auch mit The XX und Warpaint gemein.

Der erste ganz große Album-Hammer des Jahres! Und weil dieses schöne und fesselnde Werk bei Domino Records erschienen ist, wünschen wir ihm und dem Label auch den passenden Domino-Effekt des Erfolges dazu.

www.annacalvi.com

http://www.myspace.com/annacalvi

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