Musik - 15.09.10 -

Faszinierend düstere Atmosphäre

Endlich richtig fesselnd: Interpol

Während alle Welt die ersten drei Alben von Interpol überschwänglich gelobt hat und die Band auf den Schild einer neuen Wave-Bewegung hob, fehlte mir bei den New Yorkern immer das letzte elektrisierende Moment, der auf mich übersprühende Funke. Vielleicht war es nur meine Ehrfurcht und Demut vor Bands wie Joy Division, The Sound oder Chameleons, der mich sparsamer mit meiner Einschätzung umgehen ließ.

Denn auf allen Interpol-Werken finden sich exzellente Songs wie etwa”Hands Away” oder “The New” vom Debüt “Turn On The Bright Lights”, wie “Take You On A Cruise” oder “Public Pervert” vom Nachfolger “Antics”. Vor allem “Our Love To Admire” bot einige superbe Stücke, aber in der Gesamtheit fehlte mir doch immer etwas, das mir z.B. bei den Editors, The National oder beim überragenden Debüt von The XX eher vorhanden schien: Durchgängigkeit. Jetzt aber haben Interpol mich endgültig voll am Wickel mit ihrem vierten, schlicht selbst betitelten Album.

Diesmal ist alles aus einem Guss und im Fluss. Erstmals klingt ein Album dieser Band für mich von Anfang bis Ende konsistent und konsequent. Und da scheue ich mich dann auch nicht, in den Chor der begeisterten einzustimmen und das Werk eines der herausragenden Rock-Alben des Jahres zu nennen. Interpol übertreffen hiermit sogar die ambitionierte 80er-Jahre-Hommage der Editors “In This Light and on This Evening”. Denn die Band erschafft diese dunkle, düstere Atmosphäre mit dem atmosphärischen Klang von Gitarren statt mit der kalten Künstlichkeit von Keyboards und Sänger Paul Banks kommt mit seinem magischen Bariton hier noch näher an Kultsänger Ian Curtis von Joy Division als Tom Smith.

Bereits der Opener “Success” erzeugt eine mystische, magische Atmosphäre, die unmittelbar fesselt und das gesamte Album über als Spannungsbogen erhalten bleibt. Über den fabelhaften Gitarrenriffs von Daniel Kessler zelebriert Banks eine morbide Romantik, der man sich nicht entziehen kann. Schöner Leiden kann man kaum als der Interpol-Sänger, dem es gelingt, jeden Song mit Feierlichkeit und Erhabenheit auszustatten. “Memory Serves” ist so eine mächtige Hymne, die selbst die wahrlich großen Momente des aktuellen Albums “High Violet” von The National überragt.

“Summer Well” rollt fast verspielt dahin mit seinen akzentuierten Pianoakkorden und Basslinien, die sich von Kesselers Gitarre vorantreiben lassen. Das vorab veröffentlichte “Lights” ist ein ungeheuer spannender Song, der wie eine moderne Interpretation von Black Sabbath Balladen klingt. Fabelhaft, ebenso wie das dazugehörige Fetische-Video. Mit “Barricade” gelingt Interpol ein hitverdächtiger Song mit markanten Hooks, die sich im Langzeitgedächtnis verankern. Hier das aktuelle Video zur Single.

Von berührender Traurigkeit ist der sehr effektvoll gegen die Harmonien arrangierte Liebeskummer von “Always Malaise”, der tonnenweise Salz in offene Wunde reibt. Der anspruchsvollste Song, den ich bisher von Interpol gehört habe – sehr kunstvoll und nachhaltig wirkend. Der straighte Rhythmus und das scharfe Riff von “Safe Without” zielen mit gut geplanter Monotonie tief hinein in die Seele und wühlen auf. “Try It On” ist fast schon so etwas wie ein Hoffnungsschimmer im allgegenwärtigen Lied, marschiert dann aber dann schnell oszillierend in Einsamkeit und Isolation.

Nach “All Of The Ways” wirkt die Welt noch ein wenig verstörender als ohnehin, der Interpol-Kosmos legt einem die Schlinge um die Herzkranzgefäße bis sich schließlich in “The Undoing” schwere Eisentüren hinter einem Album schließen, das von ergreifender Schwere ist, die einen seltsamerweise aber nicht erdrückt – das Paradoxon einer erwärmenden Kälte. Willkommen in den melancholischen Untiefen der ganz großen Bands. Volle Punktzahl!

www.interpolnyc.com

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