Musik - 07.09.10 -

Ehrenwerter Hüter alten schönen Liedguts

Mezzanotte: Ulrich Tukur als Nachtschwärmer

Jemanden darauf hinweisen zu wollen, welch fabelhafter Schauspieler Ulrich Tukur (u.a. John Rabe, Das Leben der anderen, Gier) ist, hieße Eulen nach Athen tragen. Wer sein subtiles Spiel schon einmal auf der Leinwand oder im Fernsehen bewundern durfte, weiß längst, dass Tukur in einer Liga mit Oscar-Gewinner Christoph Waltz spielt.

Nicht von ungefähr ist er bereits mehrfach vom internationalen Regieas Costa Gavras – ebenfalls Academy Award Winner – besetzt worden. Dass dieser Ulrich Tukur aber auch ein begnadeter Interpret alten Liedguts ist, darf ruhig noch bekannter werden. Sein aktuelles Album “Mezzanotte” legt davon beredtes Zeugnis ab und ist, wie schon die Einspielungen mit seinen “Rhythmus Boys” (ich empfehle “Morphium”) ein Kleinod an musikalischer Kulturpflege. Und das gleich in vier Sprachen, denn neben deutschen Liedern finden sich auch solche in englisch, französisch und italienisch, was für den Wahl-Venezianer quasi zweite Muttersprache ist.

Tukur bewegt sich mit seiner Liebe zu alten Liedtraditionen in der Nachbarschaft zu Max Raabe und Götz Alsmann, hat aber einen ganz eigenen Zugang dazu. Wo Raabe das Lied zur Kunstform stilisiert, es ironisch maniriert und ihm so eine Eigenart gibt, wo der promovierte Musikologe Alsmann das Lied zwischen Bildung, Forschung und Jazzneigung gekonnt und launig akademisiert, ist Ulrich Tukur ganz der demütige Interpret, der sich des Liedes in seinem Ursprung annimmt, es sich behutsam aneignet ohne es zu vereinnahmen, ein Anverwandler. Weshalb der Sänger und Akkordeonist Tukur für mich am nächsten zu Text und Musik in der reinen Form durchdringt.

Das Konzeptalbum, auf dem sich der Künstler ganz der Nacht, ihrer Faszination, ihren Mysterien und auch ihren Abgründen widmet, ist eines der Schlager-Chanson-Alben, die man meiner Meinung nach unbedingt besitzen sollte. Weil es so besinnlich wie sinnlich ist, so charmant wie amüsant, so unbeschwert wie tiefgründig. Tukur ruft die ganze Bandbreite an Stimmungen ab, die man mit dem Stichwort Nacht in Verbindung bringen kann. Von der ausgelassenen Lebensfreude bis zur romantischen Schwärmerei, von sehnsüchtigem Liebeskummer bis zum düster-geheimnisvollen Schurkenstück. Auch musikalisch sehr vielseitig, mal mit großer Orchesterbegleitung locker-flockig swingend, mal ganz reduziert zur soloistischen Akkordeon-Begleitung singend. Eine Schatzkiste und Fundgrube an schönen Liedern, die Herz, Hirn und Humor haben. Dargeboten von einem sympathischen Meister der Verwandlung.




Ganz wundervoll die urbanen Blicke im flotten Liebeslied “Das Großstadt-Blick” und mehr noch in der melancholischen Skizze “Die Großstadt träumt”, sehr beschwingt und gutes feeling verbreitend der Charleston “J´ai peur de coucher tout seul”, in dem Tukur den entspannten Erzähler gibt.  Voller Charme der Klassiker ” Du und ich im Mondenschein” und sehr fröhlich und leicht “Ich pfeif´heut Nacht.” Das durch Marlene Dietrich zu Weltruhm gelangte “Illusions” stattet Tukur in der männlichen Mimenvariante mit einer zarten Verträumtheit aus. “Nachts ging das Telephon”, als UFA-Evergreen von Zarah Leander und Hilde Hildebrand und in zigfachen Variationen bekannt, ist ganz besonders gelungen dank akzentuierter Percussions und des hingesummten Chores.

Dann sind da noch zwei herausragende Höhepunkte mit “Hörst Du das Meer?”, für das Ulrich Tukur die inzwischen 90jährige Margot Hielscher als Duett-Partnerin gewinnen konnte, die dem schönen Lied das reife gewisse Etwas an tiefer echter Wehmut gibt. Wundervoll! Und schließlich gelingt dem gefühlten “Italiener” mit “Veccio Frack” eine berührende kleine Posse, Comedia dell´arte zum Akkordeon. Toll! Inklusive des Bonus Tracks, der geflüsterten Moritat “Willy Williams” gibt es ein Werk mit 18 Liedern zu feiern, das schlichtweg zauberhaft ist und nicht nur Nachtschwärmern wärmstens ans Herz gelegt sei. Sehr gelobt sei an dieser Stelle auch die Spezialseite der Deutschen Grammophon zum Album mit interessanten Hintergrundinformationen.

Chapeau!

www.deutschegrammophon.com/html/special/tukur-mezzanotte/

>>TUKUR auf TOUR

>>Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys: Ein unmöglicher Abend



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