Startenor auf Abwegen
Fades Chili: Rolando Villazon “Mexico”
Manchmal fällt mir bei der Begegnung mit Veröffentlichungen spontan ein Spruch ein, den ein früherer Kollege gelegentlich als Ausdruck von Verärgerung im Munde führte: “Man spürt die Absicht und ist verstimmt.” Genauso ging es mir gestern als ich das Album “Mexico!” auf die Hörer bekam, das von keinem geringeren als dem weltberühmten Tenor Rolando Villazon stammt, der als kongenialer Gesangspartner der charismatischen Anna Netrebko gilt. Da gibt der Opernstar vor, die Musik seines Heimatlandes entdeckt zu haben und – man kann es leider nicht anders sagen – verhunzt schönes Liedgut.
Es ist sprichwörtlich die alte Leier mit diesen Klassik-Künstlern, sie sollten ihre Stimmbänder gänzlich von Pop und Folk und Country fernhalten, weil sie einfach nie die innere Freiheit erreichen, die solche Songs brauchen. Die stilistische Strenge der stimmlichen Ausbildung wirkt schlicht kontraproduktiv. Bei Villazon hat das Ganze sogar den unangenehmen Effekt, das sein Crossover-Versuch zur hoch kitschigen Knödelei wird, die an der Grenze zur Hörbelästigung ist. Ein kaltes, fades Chili ohne jegliche Schärfe, statt Würze nur klebrige Pampe.
Wer den Klassiker “Besame Mucho” beispielsweise in einer zuckerfreien und das Lied wirklich würdigenden Weise hören will, hat von Omara Portuondo bis Cesária Évora, von Diana Krall bis Nana Mouskouri (Ja, genau die!) reichlich bessere Möglichkeiten als die Villazon-Version. Die anderen 14 ausgewählten Lieder quälen das Gehör nicht minder und die mich verstimmende, zu Tage tretende Absicht des Sängers führt am Ende zu einem klaren Fazit meinerseits. Mit dem vorgeblichen Bekenntnis zu seinen Wurzeln wollte Villazon weniger sein Heimatgefühl vermitteln als das ohnehin sicher reichlich gedeckte Konto auffüllen. Dass “Mexiko” trotz Villazon kein vollständiges Ärgernis ist, liegt an der tollen musikalischen Begleitung durch die Bolívar Soloists (übrigens keine mexikanischen Musiker!), die man sich in die Hände eines Ry Cooder wünschen würde, versehen mit ausdrucksstarken Gastsängern. Dann könnte das ein zweiter “Buena Vista Social Club” werden.
Apropos. Dieser Ry Cooder hat mit “Chavez Ravine” bereits eine weit aufregendere Hommage an mexikanische Musik produziert. Auf diesem Konzeptalbum huldigt er mit Unterstützung einer illustren Gästeschar dem oft sehnsüchtigen, schmerzhaften Liedgut mexikanischer Einwanderer und ihrer Ansiedlung im Tal der Engel, nur wenige Kilometer von L.A. entfernt. Und das Tex-Mex-Gefühl schlechthin wissen eh die Jungs von Calexico am nachhaltigsten zu erzeugen, wenn sie ihren grandiosen Americana-Folk-Rock mit Mariachi-Trompeten zum mitreißenden Erlebnis machen. Hier ein fabelhaftes Anschauungsbeispiel für Senior Rolando, wie man es richtig macht mit dem Ausschnitt eines Konzertes von Calexico beim Bonaroo Festival mit dem Song “Roka”:
Also, Villazon braucht kein Mensch, es sei denn, er singt das, was er wirklich beherrscht: Arien. Wer sich von dieser Kritik dennoch nicht abschrecken lassen möchte, kann Rolando Villazon bei sieben Terminen in Deutschland live in Augenschein nehmen:


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