Musik - 03.09.10 -

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Fotos promoten ihr neues Album Porzellan (Video) auf Deutschland-Tour

Am Anfang war Klang. Bereits in den ersten zwei Minuten von Porzellan sagen die Sounds mehr, als die meisten Platten es derzeit auf Albumlänge tun. Da klingen diese warmen, sphärischen Harmonien, Ergebnis eines musikalischen Algorithmus nach dem Vorbild der Markov-Kette — Brian Eno lässt grüßen —, die sich mal in ein lockendes Säuseln, mal in ein drohendes Dröhnen verwandeln.

Die uns streicheln, einlullen, hochheben, mitnehmen, bevor das Kratzen und Brummen elektromagnetischer Störgeräusche kurz die Haare im Nacken und auf den Armen aufstellt, einen irritierenden Augenblick lang die bange Frage aufwirft, was da wohl im Argen liegt, um uns daraufhin in einen sausenden, dröhnenden Sog zu ziehen, der uns direkt zwischen die mächtigen Walzen des Basses, dräuender Distortion-Gitarren und Rückkopplungen zerrt, zwischen denen die verhallten Worte Tom Hesslers ähnlich weit entfernt scheinen, wie diese glühenden, ambienten Wolkenberge, zu denen sich die jubilierenden Eno’schen-Drones inzwischen aufgetürmt haben.

Und noch bevor man recht begriffen hat, was einem soeben widerfahren ist, reißt Alles schreit plötzlich ab.

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Lässt einen allein zurück. Unter diesem Himmel. Kaum haben die Wolken sich verzogen, folgt mit dem Titelsong die Gewissheit, dass diese Platte halten wird, was uns mit dem Opener angekündigt wurde: Porzellan ist ein waschechtes Shoegazer-Album. Doch dieser Song ist zugleich Festschreibung und Finte. Denn wo aktuelle Neo-Shoegazer-Bands sich gerne durchwegs darauf beschränken die Musik der Gebrüder Reid, von My Bloody Valentime, Slowdive, Ride und ähnlicher Genre-Definierer nachzubauen, verlassen FOTOS ausgetretene Pfade. Einerseits verfolgen sie die Wurzeln dieser Musik zurück und streifen dabei den ätherischen Pop von 4AD-Bands wie Cocteau Twins und This Mortal Coil, den Droneblues der Spacemen 3 sowie die doomigen, monotonen Industrialsounds von Michael Giras Swans.

Andererseits bedient sich die Band des Genres Shoegaze um es soweit zu dehnen, dass es einem geradezu selbstverständlich erscheint, wenn man auf Porzellangeisterhafte Begegnungen mit Harmonia, La Düsseldorf, Alan Vega, Duane Eddy, Phil Spector, Nick Drake, Scott Walker, den Einstürzenden Neubauten und The Knack hat.

Einige davon bereits im Verlauf der auf den Titeltrack folgenden Nummern Nacht und Mauer. Zwei Songs, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten. Ersterer, in seiner sehnsuchtsvollen Melancholie geradezu episch, schwelgerisch, sich von Reduktion zu Bombast, aus puritanischer Strenge zu katholizistischem Pomp aufschwingend, letzterer, die stringenteste Annäherung an Glamrock und Powerpop, die dieses Album zulässt.

Und während einem noch ungläubig das Tanzbein zittert, beginnt das dunkle Herz des Albums mit On the Run erneut wummernd zu pochen. Die Wolken ziehen wieder auf, verdüstern sich, werden schwerer, hängen tiefer, drücken und schieben, schaben pulsierend über den Boden, bis sie sich durch die Reibung derart mit Elektrizität aufgeladen haben, dass es nur noch eine Frage von Takten zu sein scheint, bis das Gewitter losbricht. Doch die Spannung wird gehalten. Statt flackernder Blitzgarben züngeln hier und da kristalline, Delay-verhangene Gitarren durch den Nebel und verdichten sich zu träge daherrollenden Twang-Kugelblitzen. Und irgendwo im dichten Dunst waten derweil Chris Isaak, The Edge und eine irrlichternde Horde Babys on Fire herum, bis sie schließlich seufzend in schimmernden Pfützen algorithmischen Wohlklangs ersaufen.

Das sich anschließende Wasted legt das glänzende minimalistische Skelett des FOTOS- Sounds frei: keine Schichten aus Sequenzing, Distortion, Drones verschleiern hier den Blick aufs Wesentliche, keine hämmernde Bassdrum, überhaupt kein Schlagzeug treibt uns durch den Song. Stattdessen wird er vom frakturierten Beat einer, bis auf ein dünnes Leibchen aus Delay, völlig nackten Rockabilly-Gitarre getragen.
Es bleibt minimalistisch: Ein dumpfer Industrialbeat, eine gelegentlich aufjaulende schrille Orgel, deutlich mehr braucht es nicht, uns ins Feuer einer dampfenden, maschinellen Vorhölle aus stampfenden Zylindern und zischenden Kompressoren zu schicken. Ritt dagegen ist pure, zerbrechliche Schönheit, die mal an der Seele ziept wie Silberpapier an den Zähnen, und sich mal, wie ein wärmendes tröstendes Laken darüber legt. Man möchte den Song immer wieder von vorne hören, so friedlich stimmt er, bei aller Schwermut.

Für Raben kehrt Porzellan mit großer Geste zurück zum jubilierenden Shoegazer-Pop britischer Prägung, bei dem FOTOS auch mit Angst, dem vorletzten Song des Albums verweilen. Es wird wieder auf die Effektboards gestarrt, aufs Fuzz-, Distortion- und Reverse-Reverb-Pedal getreten, exzessiv die Whammy Bar eingesetzt und zwischendurch werden kurz Flanger und Tremolo angeschmissen. Feedbackschleifen ziehen ihre Kreise. Space Echo, Oszillatoren, Synthfuzz, Rotary-Effekt, das verhallte Schlagzeug, alles, was das Herz des Genre-Freaks höher schlagen lässt, ist da.

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Was aber vor allem da ist, hier, wie bei allen anderen Songs des Albums, das sind die mitreißenden, unwiderstehlichen Melodien, für die FOTOS -Fans ihre Band so lieben, und welche diese auch im neuen Soundgewand mehr als alles andere auszeichnet. Porzellanist ein wahres Monster. Nicht nur, weil es das dunkelste, lärmendste und vor allem mächtigste FOTOS -Album ist, sondern auch aufgrund seiner Hit-Dichte, welche die an ansteckenden Ohrwürmern weiß Gott nicht armen Vorgänger-Alben Fotos und Nach dem Goldrausch sogar noch deutlich in den Schatten stellt.

So widerborstig sich dieses Monster gebärdet, ist es letztendlich doch reinster, strahlender Pop. Und während des herrlich trägen Lullabys Wellen darf man sich zum versöhnlichen Abschluss tief in sein struppiges Fell kuscheln.
Stephan Glietsch

Fotos on Tour
14.09.10 Hamburg – Rec-Release @ Grüner Jäger, DE
18.09.10 Hamburg – Akustikset @ Saturn Store, DE
21.09.10 Halle – Objekt 5, DE
22.09.10 München – Kranhalle, DE
23.09.10 St. Pölten – Freiraum, AT
24.09.10 Köln – Studio 672, DE
25.09.10 Hamburg – Reeperbahnfestival, DE
26.09.10 Berlin – Roter Salon, DE

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