TV - 28.08.10 -

Schlechte Note für die Quote

hart aber fair – mehr als Röttgen PR, Herr Plasberg?

Die 100. “hart aber fair” Sendung war für viele Zuschauer unbefriedigend und zeigte der GEZ-Gemeinde erneut die Unfähigkeit des Fernsehens, mit ihren Zuschauern wie mit Erwachsenen zu kommunizieren.

Der Atom-Showdown – wer siegt im Kampf um Energie und Macht?
Ein guter Titel, der ein großes Versprechen an mögliche Zuschauer ist. Aber eine Sendung, die zur Farce geriet.

Frank Plasberg war in Feierlaune. Die hundertste Sendung. Sehr gute Einschaltquoten belegen seinen Erfolg. Und das Thema “Der Atom-Showdown – wer siegt im Kampf um Energie und Macht?” war für das Jubiläum wie gemacht. Die Führungsspitzen der Energiekonzerne und weitere Vertreter der deutschen Wirtschaft hatten sich mit einer großen Anzeigenkampagne an die Kanzlerin gewandt. Die Forderung: Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke und keine weiteren finanziellen Belastungen.

Die Gästeliste des Abends versprach eine Einlösung des Anspruchs ”hart aber fair”.
Norbert Röttgen, Bundesumweltminister; Wolfgang Clement, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister; Frank Schätzing, in Umwelt- und Zukunftsfragen gut informierter Bestseller-Autor; Renate Künast, Fraktionschefin B’90/Grüne; Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums.

Ja, das könnte doch eine Diskussionrunde sein, die in die Fernsehgeschichte eingeht. Offenbart doch der Konflikt zwischen den Regierungsideen zur Atompolitik und die Forderung der Atomlobby den Zustand unserer Gesellschaft mit einem Schlag. Endlich ließen sich die Zusammenhänge in der Energiewirtschaft erklären. Die Bürger wollen Aufklärung, wer mit welchem Stromangebot verdient und warum der Strukturwandel in der Energieerzeugung nicht vorangeht.

Und es stellt sich für das ganze Land die Frage, hat es noch Sinn, wählen zu gehen? Oder wird von den Konzernen über Politiker durchregiert, ohne an das Wohl und die Zukunft der Bürger zu denken. So zumindest denkt der größte Teil der Bevölkerung. Und dieses Denken, das sich Engagement und Wählengehen nicht lohnen, hat eine viele Jahrhunderte alte Tradition. Wer hat die Macht in der Demokratie? Sind die Bürger noch der Souverän? Die Bürger wollen das Ende der Atomkraft. Und solange nicht hunderte von Millionen Euro in eine ausgedehnte PR- und Werbekampagne investiert werden, wird die Beurteilung der Atomenenergie – sachlich richtig – als real lebensgefährliches Auslaufmodell der Standpunkt der Bürger bleiben.

Herr Plasberg, kann eine Unterhaltungsdiskussionssendung über derart komplexe Themen aufklären?

Mancher wird sich wundern, warum die Sendung kritisiert wird. Es wurden doch viele Argumente erwähnt. Herr Schätzing hat innerhalb der Runde ab und zu zur Sachlage zurückgeführt. Jede Position kam (ein wenig) zu Wort – doch das Versprechen des Formatnamens wurde nicht eingelöst.

“Hart” kann und soll in einer Demokratie auch heißen: Hart an den Fakten. In den guten Schulen unseres Landes und bei den guten LehrerInnen haben wir es doch lernen können: Die richtigen Fragen stellen und die Kausalzusammenhänge aufdecken. Analyse.

Und das “Öffentlich-Rechtliche Fernsehen” ist und muss de Ideen von Demokratie und schonungsloser Aufklärung verpflichtet sein. Und der Master of the Talk hat die Verantwortung mit seinen Fragen die Ursachen, die Hintergründe zu beleuchten und zur Aufklärung bei zu tragen.

Doch Frank Plasberg wählt als Konzept seiner Arbeit den charmanten Ausgleich. Das belanglose und biedere Pflegen des guten Tons. “Wir wollen blond und freundlich sein.” Alles ist gut, liebe Fernsehzuschauer. Wir leben doch in einer Demokratie, in der man miteinander reden kann. Ihr könnt das auch live erleben. Und wenn es einmal konkret wird, ein Sachverhalt die Fassade wegreißen könnte, unterbricht der sympathische Frank: “Wir haben noch genug Zeit für Inhalte, jetzt erst mal noch zum Stil.” Denn sonst würde man ja Tacheles reden.

Haben wir etwas missverstanden? Lautet der Claim der Sendung nicht ”Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft“? Wirklichkeit ist bei “hart aber fair” unerwünscht. Und die Fernseh- und PR-Profis sind sich in diesem Punkt einig. Das Publikum will doch keine Wirklichkeit. Der Wähler will ja auch keine Inhalte. Und so ist die katholisch geprägte Umkehrung der Schuld vollendet.

Wir werden also aus dem Fernsehen nicht erfahren, wer die größten Aktionäre der Atomkonzerne sind.

Wir werden nicht erfahren, ob wir die Hauptaktionäre im Bereich der Finanzdienstleister (Banken, Versicherungen usw.) finden.

Wir werden nicht erfahren, dass die Atomkonzerne einer brutalen und nicht legalen Krieg um Marktanteile gegen fortschrittliche mittelständische Energieunternehmen führen können, solange sie im Besitz des Stromnetzes sind.

Wir werden nicht erfahren, dass die wirtschaftliche Struktur von Konzernen und großen Finanzdienstleistern im Zusammenhang zu sehen ist mit der Blockade des Strukturwandels, den wir sofort realisieren müssen.

Wir werden nicht erfahren, dass der Atomstrom bei richtiger Kostenaufstellung (inkl. Subventionen, Folgekosten, Endlagerkosten, Kosten für die stillgelegten Atomkraftwerke (aller über den Steuerumweg finanziert)) teurer ist als der Strom aus erneuerbaren Energien.

Wir haben allerdings erfahren, dass Frank Plasberg mit unterbrechenden Fragen tiefergehende und auch mal ruhig laute Auseinandersetzungen verhindern kann. Wir haben erfahren, dass diese Sendung auf Herrn Röttgen zugeschnitten war. Ob Atomlobbyist Güldner oder Wirtschafts-Junkie Opa Clement auf der einen Seite und alleinstehend Renate Künast auf der anderen Seite: Sie waren durch die Zeiteinteilung, die Dramaturgie der Sendung nur Beiwerk. Der Höhepunkt der Sendung war das Einzelgespräch mit Norbert Röttgen. Ob das politische Handeln des Herrn Röttgen eine solche Inszenierung rechtfertigt, wird er noch im Laufe seiner politischen Karriere belegen müssen.

Fakt ist: “hart aber fair” ist ein intelligent konzipiertes TV-Format. Produktname und Claim sind absolute Spitzenklasse. Doch dieses Format stellt sich bei ernsten Themen selbst ein Bein. Das fällt einer steigenden Zahl der Zuschauer auf.

Was kann man tun? Denn hier werden tatsächlich Themen diskutiert, die entscheident für die Zukunft sind. Das Team um und hinter Frank Plasberg muss sofort seine Kritikfähigkeit beweisen und mit der guten Quote innerhalb des Senders ein zusätzliches Zeitfenster erkämpfen. Es kommt bei dem zeitlich größeren Anteil der Diskussion von Medienprofis nicht zu einer Basis für Analyse des Zuschauers. Deutlicher und hilfreicher sind oft die Beiträge des ”Publikums” (tja so schnell ist man seinen Bürgerstatus los! :-/ ). Für diese Beiträge per E-Mail und Gästeliste muss mehr Raum geschaffen werden. Innerhalb der Hauptsendung. Das ist Demokratie. So können z. B. 10 Minuten die Welt verändern.

”Falls Politik auf Wirklichkeit trifft”



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