Musik - 27.08.10 -

London Calling im E-Werk

The Köln Concert: The XX

The XX_Foto_c_jareed

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Ehe sich jetzt wegen der Schlagzeile ein paar Jazz-Freunde hierher verirren, in der stillen Hoffnung, der Tasten-Maestro Keith Jarrett möge doch wieder mal seine Fingerfertigkeit in der Domstadt unter Beweis stellen. Sorry, kleine Falle! Hier geht es um die Newcomer-Band des letzten Jahres, die Londoner Jungspunde The XX, die mit ihrem Debütalbum den musikalischen Meilenstein der ersten Dekade dieses Jahrtausends gesetzt haben. Gestern schickte sich die mittlerweile auf Trio-Stärke reduzierte Formation im Kölner E-Werk an, das gleiche Gänsehaut-Gefühl live zu erzeugen, dass ihr famoses Melancholie-Meisterwerk vermittelt.

Der Empfang im Foyer der kleinen feinen Konzerthalle wirkt so kühl und distanziert wie auf den ersten Eindruck auch die Musik von The XX. Kein Plakat, kein Merchandising Stand, nichts, dass den Anschein erweckt, dass hier heute Abend eine der interessantesten und angesagtesten Indie-Bands dieses Jahrzehnts auftritt. In der Halle selbst sitzen junge Menschen geduldig auf dem Boden und warten offensichtlich sehr unaufgeregt auf diese aufregende Band. Wie eine Lemmingherde erhebt sich das Jungvolk Schlag 20.00 Uhr und erwartet den Support Act, der sich kurz nach dem Verdunkeln des Saales schnell als Fehlriff erweist.

Das männliche Duo, dessen Namen zu recherchieren dann doch eine unangemessene Mühe bedeutet hätte, quälte das Publikum eine halbe Stunde lang mit enervierendem, seelenlosen Elektronik-Gefrickel aus dem Laptop, mal mit Gitarre, mal mit Schlagwerk amateurhaft gepimpt. Nicht nur ich gönne mir eine Pinkelpause und Frischluft während der kontraproduktiven Darbietung dieser Datenverarbeitungs-DJ-Aneiser, die Mehrheit der Besucher tut es mir gleich. Sorry, Jungs, aber Euer Bullshit gehört auf keine Konzertbühne, bleibt bitte im Gigabyte-Bastelkeller damit!

Wenigstens ist meine selektive Wahrnehmung inzwischen aktiviert und feinjustiert, denn sie macht jetzt doch einige untrügliche Anzeichen aus, dass es hier und heute um das große X geht. Sieh an, was die Sicherheitskräfte da auf ihren T-Shirts tragen, da hat man ja tatsächlich wohl eher unbeabsichtigt die zum Hauptact passende Firma gefunden. Und kaum trete ich einen Schritt hinter den Bodyguard zurück, werden die Augen auch schon ein zweites Mal fündig. Gleich hinterm Mischpult sind deutliche Zeichen zu erkennen, dass es jetzt gleich losgehen muss mit dem Auftritt von The XX, namentlich von Romy Madley Croft (Gitarre, Gesang), Oliver Sim (Bass, Gesang) und Jamie Smith (Keyboards, Beats).

Um kurz nach Neun erlischt das Saallicht endlich und das Trio tritt ins spärliche Rampenlicht, das so auf das Wesentliche konzentriert ist wie die Musik der jungen Briten. Croft, sim und Smith wirken nicht wie die Superstars, die sie in ihrem Song “VCR” bereits angetextet hatten als der Hype um The XX noch nicht absehbar war – Intuition? Vorahnung? Oder doch Zufall?

Kein Zufall jedenfalls kann die Qualität der Songs sein, die auch live direkt die Eigenheiten ihres Charakters freilegen, diese fragile, trotzige Schönheit, diese nach Zärtlichkeit flehende Verlorenheit, die sich in kargen, ganz klar strukturierten und akzentuierten Akkorden den Raum erobert mit einem Klang, der seltsam nah und fern zugleich ist, Songs wie Nachtschattengewächse, die im Dunkel und in der Stille erblühen.

The XX fügen ihren Songs mit noch mehr Hall auf der Gitarre, noch mehr Echo auf den Beats und den noch markanteren Bassakzenten live etwas hinzu, das ihre Räumlichkeit, ihre im besten Sinne merkwürdige ambiente Wirkung noch verstärkt. Und der gesangliche Dialog von Croft und Sim gibt dieser Fremde und Distanziertheit der Instrumente die menschliche Erdung und eine geheimnisvolle Nähe und Wärme. So entsteht das, was man trotz der erkennbaren Bezüge und Zitate in die 80er hinein nur ganz selten erlebt – etwas wirklich Neues und Eigenständiges.

Damit bin ich bei den beiden großen Komplimenten, die ich diesen jungen Musikern aus London unbedingt machen muss. Erstens: Sie haben auf Anhieb ihren unverwechselbaren Stil, ihren Ton gefunden, aus dem sie schöpfen können. Zweitens: Sie verfügen über jene unerklärliche Magie, die einen sofort gefangen nimmt und berührt. The XX haben dieses elektrisierende Momentum, das The Cure mit “Seventeen Seconds” hatten, Joy Division mit “Closer” und die in diesem Zusammenhang zurecht so oft beschworenen Young Marble Giants mit “Colossal Youth”.

Irgendwie haben The XX wohl noch gar nicht in Ruhe registrieren können, was sie mit ihrer Musik im letzten Jahr losgetreten haben an Anerkennung, Begeisterung und Kritikerlob, geschweige denn richtig verarbeiten, was jetzt mit ihnen passiert. Freundlich, fast schüchtern agieren die Bandmitglieder mit wenigen kurzen Ansagen und höflichen Dankesworten zwischen den Musikstücken, die ihr einziger sicherer Halt zu sein scheinen in dieser Welt. Dieses Dutzend Songs, mit dem sie die Musikwelt im letzten Jahr aus den Angeln gehoben haben und die ausreichen, um ein zwar zeitlich begrenztes, aber auf große Band-Perspektiven weisendes Konzert bestreiten zu können.

The XX spielen sich durch eine Setlist, die fast identisch ist mit dem Tracklisting des Albums. Und auch wenn sich die Band nur wenig Raum für Improvisation nimmt, bekommen manche der Songs live noch mal eine andere Weite oder Tiefe, insbesondere durch die verhallten Gitarrenklänge. mitunter erfährt auch die Dynamik eine Steigerung, was dem einen oder anderen Song mehr Kraft gibt und damit mehr Präsenz. Die Stimmen von Croft und Sim sind gut ausgesteuert und sind auch live in der Lage, die Songs emotional zu tragen und zu steuern. Insbesondere die Art des Zwiegesangs ist auch eine besondere Stärke von The XX.

Insgesamt wirkt das ungeheuer sicher und reif, was die Drei abliefern. Wahrscheinlich, weil die Songs und ihre Stilistik ihr Fleisch und Blut sind und selbst den im Original eher durchschnittlichen Soul Song “Do You Mind?” von Kyla in ihren eigen Stil zu adaptieren vermögen, dieses eher belanglose Liebeslied regelrecht zu transformieren verstehen in ein vor Spannung vibrierendes. Gerade hier wird deutlich, dass diese jungen begabten Menschen zwar sehr cool und für ihr Alter erstaunlich souverän auf der Bühne agieren, ihre Musik aber zutiefst romantisch ist.

Nach nur einer Stunde ist der Gig – Zugabe inklusive – vorbei. Mehr gibt das Repertoire noch nicht her. Das zu beklagen – wie es manche im Hinausströmen tun – ist unsinnig und unfair. Denn The XX haben es zumindest bei mir in dieser Stunde geschafft, mich nachhaltig zu faszinieren und meine Einschätzung zu vertiefen, dass hier eine ganz wichtige Indieband in eine große Zukunft hineinwächst. Mit Songs, wie sie nicht besser in Regennächte passen können wie diese.

Ohrtrommlers Fazit: Sehr kurz, aber sehr geil!

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2 Kommentare zu “The Köln Concert: The XX”

Kathy am 29. August 2010 07:28

Und ich dachte nach den Tausenden evrnichtenden Konzertreviews, ich wäre die einzige, die The xx live noch besser als auf Platte findet.
Danke!

Marcel. am 27. August 2010 15:21

Bullshit was du über Mount Kimbie schreibst. Das DJ-Set war großartig. Und The XX – klar – noch großartiger.

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