Theaterrebell und Aktionskünstler
Christoph Schlingensief – die Besten gehen zuerst
Im Alter von nur 49 Jahren ist Drehbuchautor und Theaterregisseur Christoph Schlingensief heute in Berlin gestorben. Auch er musste sich letzendlich seinem schweren Krebsleiden ergeben.
Schlingensief war mit seiner Krebserkrankung offensiv und prozierend umgegangen. Als Audiotagebuch aufgezeichnet, entstand Anfang 2009 das Buch „So schön kanns im Himmel gar nicht sein!“, in dem er den Verlauf seiner Krankheit schildert, seinen Lebenswillen poetisch, zornig und voller Ideen für die Zeit nach der Krankheit formuliert und in dem er seinen Dialog mit Gott führt.
Nach der Diagnose Lungenkrebs mit anschließender Entfernung eines Lungenflügels stemmte sich Deutschlands radikalster Theaterkünstler mit aller Macht gegen die Apathie und Ausweglosigkeit dieser Krankheit, die meist einem Todesurteil gleichkommt.
„Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Meine Gedanken aufzuzeichnen, hat mir jedenfalls geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verstehen und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen”, schreibt Schlingensief im Vorwort
Für die Ruhrtriennale 2010 war in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater Berlin die Inszenierung seines Stückes „S.M.A.S.H. – In Hilfe ersticken“ geplant. Den Termin musste Schlingensief wegen einer neuerlichen Krebsdiagone schon im Juli absagen.
Schlingensief war Zeit seines Lebens ein Rebell, Freigeist und im wahrsten Sinne des Wortes ein Künstler. Der mediale Höhepunkt seiner provozierenden Aktionen war 1998 die Einladung an die damals vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch das Urlaubsdomizil von Helmut Kohl zu fluten. Die Aktion fand (leider) nie statt.
Zusetzt plante Schlingensief – Fizzcaraldo läßt grüßen – ein Festspielhaus, eine Oper in Afrika, genauer gesagt in Burkina Faso. In all seiner Begeisterungsfähigeit und mit großer Lust am Tabubruch, wollte Schlingensief einen Tempel der europäischen Hochkultur in eine der ärmsten Regionen der Welt bringen. Jedoch nicht als Almosen, sondern als Raub wollte Schlingensief diese Aktion verstanden wissen: „Von Afrika lernen” ist der Gedanke hinter der Idee. Schlingensief wollte die afrikanische Spiritualität für die Bühne gewinnen. Die Oper aus der inzwischen unter Federführung des Architekten Francis Kéré ein ganzes Künstlerdorf inklusive Schule werden soll, ist bereits im Bau. Unter den Unterstützern von Schlingensiefs Idee sind Autoren wie Henning Mankell, Musiker wie Herbert Grönemeyer und Filmemacher Roland Emmerich und die Chancen stehen gut, dass sich der letzte Traum von Christoph Schlingensief erfüllen wird.
Wir nehmen Abschlied von Christoph Schlingensief in der tief empfundenen Hoffnung, dass er sich geirrt hat. Und dass es im Himmel doch noch viel schöner ist als hier!



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