Ganz großer Geheimtipp!!!
Tief gefühlt – Die Stimmungsbilder von Lilium
Die zwei Seiten des Musikers Pascal Humbert scheinen gegensätzlich, werden aber durch seine starke Persönlichkeit gemittelt und ausbalanciert. Als Bassist der Alternative Rockband Woven Hand hält Humbert dem genialen Songwriter David Eugene Edwards bereits seit 16 Horsepower Zeiten die Treue, treibt dessen fiebrig-elegisch-melancholische Songperlen mit seinen manischen Rhythmen voran und erdet die Himmel- und Höllentrips Edwards zugleich mit seiner stoischen Ruhe.
Als Kopf der eigenen Band Lilium ist er das emotionale Zentrum in einem kleinen feinen Klangkosmos fragiler Kompositionen, deren Kraft in der Stille liegt, die eben dieser Pascal Humbert ausstrahlt. So ein stilles tiefes Wasser ist auch “Felt”, das dritte Lilium Album, das zehn bzw. sieben Jahre nach den wundervollen Werken “Transmissions of all the Godbyes” und ”Short Stories” erscheint und noch einen drauf setzt.
Schönheit und Gelassenheit finden auf “Felt” zusammen zu einer ganz besonderen, dichten Atmosphäre, zu einer wahren Aura von unaufgeregter Hingabe an das Entstehen von Tönen und Klängen, die tief empfunden scheinen und darum sehr zu berühren verstehen. Man meint beim Zuhören, direkt an der Musikwerdung teilzuhaben, die sich wie ein langer, ruhiger Fluss geduldig seine Wege ins Gehör sucht. Neben dem derzeitigen zweiten festen Bandmitglied Bruno Green spielen eine Reihe hochkarätiger Gäste auf dem Album mit und tragen zu seiner fast transzendenten Kraft bei: Hugo Race (Dirtmusic), Kal Cahoone, Vicki Brown, Xian Lechevretel, Thomas Belhom (Tindersticks), Vassili Caillosse (Santa Cruz), Marta Collica (John Parish).
Die wunderbare Reise durch die Gefühlswelten und Stimmungsbilder von Lilium beginnt mit dem lyrischen “Right Were You Are”, das zu weiträumigen Latin-Gitarrenklängen und subtiler Percussion sehnsüchtige Bläser und überirdische Stimmen spazieren führt als stünde das Tor zum Paradies ein letztes Mal weit offen. Wahrlich himmlisch, diese hochverdichtete Hymne. “Mama Bird” fliegt auf einem Geräuscheteppich zu zarten Keyboardakkorden herein, die Flügel werden mit Slide Guitar präpariert und der Klanghorizont weitet sich für einen Luftstrom tief durchatmender Bläser. Alles ist nun “Open” – Unendlichkeit als offener Raum für eines der schönen Instrumentals auf der Platte, das sich mit Piano, ein paar Gitarrenzupfern und Streichern den Weg ebnet. Gefolgt vom Titelsong, der die verbreitete Schwermut aufgreift und in ein mäanderndes Mantra überführt, das perlende und zerrende Saitenstränge auswirft wie Leinen, an denen sich abermals Bläsersätze emporziehen.
“Her Man Has Run” ist eine Flasche tiefroter Traurigkeit, die das Glas mit einem berauschenden Tropfen Melancholie füllt. Schon trunken vor Emotion nimmt mich “Lily Pool” in den Arm und die Tränen lassen sich nicht mehr zurückhalten. So muss sich wohl Einsamkeit und Geborgenheit zugleich anfühlen. Ein traumwandlerisches Stück Tristesse, eine offene Wunde, die vom Balsam einer Melodica geschlossen wird. Das Instrumental “Amsterdam – Paris” ist der absolute musikalische Höhepunkt. Ein in Zeitlupe fahrender Zug von Tönen, der Landschaften der inneren Befindlichkeiten in unendlicher Langsamkeit vorbeischiebt. Wenn man die Augen schließt, glaubt man tatsächlich in diesen knapp sieben Minuten von der einen Hauptstadt zur anderen zu reisen, nichts als verblassende Erinnerung im Gepäck, wie eine Fotografie, die im Moment des Auslösens und Festhaltens zu Sepia welkt, ins Verschwinden. Eine Meditation über Vergänglichkeit, Musik als Metaphysik!
Nach diesem akustischen Wunder folgt mit “Miracle” gleich eines expressis verbis, dringt in die Abgründe des Bewusstseins hinein und häutet sich Schale für Schale zum Klangkern wie einer der guten alten tiefenwirksamen Pink Floyd Songs. “One Bear With Me” scheint sich aus den schamanischen Jagdgründen Edwards hierher verirrt zu haben – ein Rauchzeichen, von glimmenden Gitarren und Streichern entfacht, das Manitu ans Lagerfeuer ruft. Mit “Belive” zieht die Nacht herein wie eine schwere, schützende Wolke, aus der es Verheißungen regnet. So könnte eine Wiedergeburt klingen, eine Reinkarnation als Sound, der alle Wesensformen in sich aufgesogen hat. Dann kommt die überwältigende Stille nach dem letzten vibrierenden Ton. Tiefer Frieden. Felt!
www.myspace.com/liliummusic


Feines Folkalbum
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