Musik - 08.08.10 -

Best Case Scenario

Phänomenales Album: Menomena zünden Musik-Minen

Dass 2010 ein herausragendes Musikjahr ist, merke ich allein daran, dass meine Liste der Albumfavoriten des Jahres Monat für Monat wächst und bereits jetzt länger ist als im wahrlich nicht wenig fruchtbaren Vorjahr mit u.a. der grandiosen Neuentdeckung The XX, den liebenswerten Dear Reader und Melancholie-Meister Robin Proper-Sheppard alias Sophia etc. Jetzt sind es die EELS, Joanna Newsom, Yeasayer, Laura Veirs, Broken Social Scene, Tom Petty und noch einige andere, die sich einen harten Kampf um meine absolute Hörgunst liefern. Und schon schiebt sich das nächste Highlight drauf, das alle Indiehörer mit Progneigung zu Jubelstürmen hinreißen dürfte. „Mines” von Menomena. Das vierte Album der Band aus Portland übertrifft den fantastischen Vorgänger „Friend And Foe” mit dem Übersong und Video “Evil Bee” nämlich noch mal um einige Längen.

Brent Knopf, Justin Harris und Danny Seim lassen hier ihren Ideen noch mehr Freiraum und landen dabei einige überragende Treffer. Mit Songs vom Kaliber “BOTE” nageln Menomena die Ohren regelrecht an die Wand. Es wimmelt nur so an interessanten Elementen und Strukturen, befeuert von quirligen Gitarren, akzentuierten Drums, rein beißenden Saxophonen über einigen erhabenen Piano-Akkorden. Indierock meets Prog – fabelhaft. Und so geht es in diesem Minenfeld der Ideen in einer Tour weiter mit herrlich versponnenen Songs, die mit Einfällen nur so wuchern und ein ums andere mal in ungewöhnlichen Atmosphären landen.

In einer ungeheuren Dichte entfalten sich hier mannigfaltige musikalische Facetten, die nie überborden, sondern sich ineinander verzahnen mit Haken und Ösen – jeder Song für sich eine Entdeckungsreise. Wie die “Dirty Cartoons”, die sich mit Grandezza zur großen Hymme aufschwingen. Das hat eine innere Verwandtschaft zu den sehr eigenen Auren, die auch Broken Social Scene auf ihrem aktuellen Album “Forgiveness Rock Record” zu schaffen verstehen. Aber Menomena gehen noch einen Schritt weiter, loten ihre Möglichkeiten bis an die Schmerz-Grenzen aus. Und das Erstaunliche dabei. Das Innovative, Kreative gerät nie zum Experiment, sondern strahlt stets melodiöse Souveränität aus, ist immer am Rande der Eingängigkeit, bleibt aber ausnahmslos eigenständig und eigenwillig.

Überragend “Five Little Rooms”, der Song, der einem den Atem raubt mit seinem kargen Piano-Thema, über das Saxophonzungen a la Lounge Lizards wischen und mit pumpenden Polka-Posaunen in Wettstreit treten während Gitarren und Drums einen Garten aus Sounds darum säen. Man hat wirklich das Gefühl, traumtrunken durch ein Fantasiehaus zu irren, in dem hinter fünf verschlossenen Türen verschiedene Alter Egos von Menomena ihre gespaltene Persönlichkeit zusammen musizieren. Grandios!

“Killemall” mit seinen schwirrenden Klanginsekten ist ein weiterer Beweis für die scheinbar unerschöpflichen Möglichkeiten der Band, magische Sounds zu erzeugen. Aufregende Vibrationen durchziehen “Lunchmeat”, das von allen Seiten mit Instrumententupfern angepinselt wird zu einem Derwisch von Song, der alles in sich aufsaugt, was durch den weiten Klangraum irrlichtert. Wieder so ein sympathisches Gespenst von Musikfragment, das nicht zu fassen ist. Ja es sind irgendwie von der Band gerufene Geister, die sich hier ein Stelldichein geben. Tontorsen, die nach den Resten ihrer Körper suchen und dabei neue Gestalt annehmen. Vielleicht stellt das morbid-schöne Albumcover ja einen Verweis in die Richtung dar. Aber ich würde nicht darauf wetten – Menomena sind hoch begabte Illusionisten, die jeden Trick beherrschen.

“Oh Boy, You´re Such A Big Boy” kommt auch wieder aus der Twilight Zone, scheint es. Von mystischer Erhabenheit, ungeheuer spannend und wie alles auf diesem Album in bester Gesellschaft von akustischen Satelliten, die das Mutterschiff Menomena umkreisen. “Queen Black Acid” klingt tatsächlich wie die Nachwirkungen eines Cold Turkey, manisch. Die Schönheit im Namen trägt “Sleeping Beauty” bereits im Titel, die Band huldigt ihr mit zuerst zarten, dann zunehmend harten Banden. Auch hier gewinnt man den Eindruck, dass das Stück sich geradezu aus sich selbst und seinen Notwendigkeiten heraus entwickelt, mutiert geradezu, um danach für mehrere Sekunden in Bewusstlosigkeit zu fallen und mit einem Pianokuss wiedererweckt zu werden.

Am großen Rockrad dreht “TAOS” mit seinen giftigen Riffs und Rhythm Patterns. Ein heftiger Angriff aufs Prog-Gehör mit dem nun schon vertrauten Facettenreichtum. Metallene Schmetterlinge, die Stacheldrahtzäune bestäuben. Der Song hat mächtig Druck im Kessel, lässt am Ende des Dunkels aber auch wieder jede Menge Licht durchscheinen. Dieses Wechselspiel der Gefühle beherrschen Menomena perfekt. Hier bleiben die Ohren zu jeder Sekunde gespitzt, denn nichts aus dieser Zentrifuge der Klangkunst darf sich im Nichts verschleudern. Station Elf ist dann nur noch besinnungsloser Taumel durch das Unglaubliche. “Tithe” nimmt einen zwischendurch in den Arm – eine Hymne, die versöhnlich über das Minenfeld spaziert. Sieh nur, es ist nichts wirklich explodiert, Du durchmisst nur einen Klangraum und es wird Dir nichts passieren außer dass Du Dein Bewusstsein erweiterst.
Das finale “INTIL” ist berührend. Mit sanfter Intensität schält sich der Songkern heraus aus dieser melancholischen Frucht, die einem bizarren Hintergund-Nektar ins Ohr träufelt. Hier ist kein Ton zuviel und keiner zuwenig, “Mines” ist von einer inneren Stärke und Balance, die fast beängstigend ist. Alles zieht einen in seinen Bann.

“Mines” von Menomena ist das, was ich als Best Case Scenario beschreiben würde. Man hat eine hohe Erwartung. Sie wird mehr als erfüllt. Und man hat das große Vergnügen, euphorisch darüber zu schreiben. Ein Glücksfall ist dieses fantastische, höchst inspirierte Werk für mich und – bei aller Bescheidenheit – für alle Liebhaber wegweisender Rockmusik.

Menomenal! Ein Album für die Ewigkeit. Sorry all ihr Arcade Fire entbrannten Leute da draußen, an dieses Meisterwerk reichen die “Suburbs” nicht heran. Im November touren Menomena durch Deutschland. Nicht verpassen. Termine in Kürze hier.

http://menomena.com/

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