Musik - 08.08.10 -

Drittes Klasse-Album der Kanadier

Arcade Fire erobern Vororte und Hauptstädte

Die Erwartungen an Win Butler und seine angetraute Muse Régine Chassagne waren nach zwei zurecht gefeierten Alben turmhoch und alle Welt erhoffte sich nun drei Jahre nach dem famosen „Neon Bible” ein neuerliches Wunder von Arcade Fire. Jetzt ist „The Suburbs” endlich da und verzückt Fans wie Kritikerwelt, dass es Lobeshymnen nur so vom Popolymp prasselt. Es ist ohne Frage ein herausragendes Album geworden, aber – hier muss der Ohrtrommler gleich widersprechen – gewiss kein alles überragendes. Mag der Musik Express auch das „Geschenk des ersten großen Indiealbums” der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts ausgemacht haben, so viel Ehrfurcht gebietet mir das Werk nicht. Insbesondere, da es in diesem Jahr bereits einige Alben gab, die mich mehr elektrisiert haben.

Das ist auch genau das Stichwort. Die Kanadier haben mit „The Suburbs” wahrlich eine Musikflasche kostbaren Weins abgefüllt – und darauf erhebe ich auch gerne einen edlen Kelch und stimme in manchen lobenden Trinkspruch mit ein – aber ein wirklicher, besinnungslos machender Rausch will sich bei mir auch nach mehrmaligem Hören nicht einstellen. Warum? Ja, weil das wirklich elektrisierende, fesselnde fehlt, das „Neon Bible” stellenweise auszeichnet. Da hat mich das fast zeitgleich erschienene „Mines” von Menomena weit mehr gepackt und fasziniert mich noch immer (mehr dazu in Kürze). Nicht weniger nachhaltig wirken 2010 Broken Social Scene mit ihrem „Forgiveness Rock Record” oder Joanna Newsoms „Have One On Me”. Die würde ich bei der Wahl zum Album des Jahres schon mal vorziehen.

Album des Jahrzehnts also wohl kaum? Da führte dann auch kein Weg am Debütalbum von The XX aus dem Vorjahr vorbei, das mit seiner kühlen sinistren Atmosphäre für wirkliches Staunen sorgte und selbst ein Jahr danach die gleiche Gänsehaut auslöst wie beim ersten fassungslosen Hören. Fazit: große Empathie für „The Suburbs” ja, überbordende Euphorie nein. Damit wären wir knapp über dem Boden der Tatsachen, denn über den gewöhnlichen Dingen schweben Arcade Fire allemal. Der Start ins Album ist bravourös mit dem Titelsong, der sich mit seinem Piano Shuffle gleich im ewigen Popgehör verewigt. Das stramme „Ready to Start” legt mit seinem gerade rockenden Charme gleich nach, „Modern Man” ist ohne Frage eine Perle und das sensible „Rococo” vollendet einen Einstiegsreigen wie er perfekter kaum sein könnte.

„Empty Room” ist aus meiner Sicht der erste sanfte Tropfen Wasser im Wein. Sagen wir es frei heraus, etwas belangloser Füller. Dem folgen dann allerdings gleich wieder vier Highlights, gekrönt vom melancholischen „Suburban War”, das die fraglose Klasse von Butler als Songwriter bestätigt. Das anschließende rüde „Month Of May” empfinde ich persönlich als störend in der Gesamtstimmungslage des Albums, es lässt den roten Faden abreißen, reißt einen raus – bedauerlicherweise. Und „Wasted Hours” mögen andere ja als genial beklatschen, ich finde es leider einfach blutleer und langweilig.

Der Endspurt bis zum letzten, dem 16. Track des Albums ist dann wieder makellos und nötigt mir jeden Respekt ab für ein insgesamt, auch bei der üppigen Spiellänge von rund einer Stunde wirklich erstklassiges Album. Und darum es möge auch viel gekauft , oft gehört und feierlich besprochen werden. Aber das beste Album der vergangenen zehn Jahre mag ich hier für mich nicht finden.Da sind doch einige andere vor. Ich denke, da wird die Wahl entschieden zwischen The XX, Radiohead und Portishead und und und – wenn es nach mir ginge, zumindest einem der wundervollen Alben von Calexico oder I Am Kloot, oder?

www.arcadefire.com

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