Lass es uns trotzdem tun
Studio Grande legen nach 7 Jahren Pause neues Album vor
Nach ihrem Debütalbum aus dem Jahr 1999 mit der Hit-Single „Ein guter Tip“ prophezeiten die Fachleute Studio Grande eine ähnlich steile Karriere wie Blumfeld. Selten löste ein Album-Debüt wie „Studio Grande“ eine so einträchtige Euphorie in den Medien aus und ihre Single wird heute noch regelmäßig in den Indie-Diskos aufgelegt. „Fullminantes Debüt“, „Album des Jahres“ oder „Gruppe des Monats“ lautete es in der damals breit aufgestellten Musikpresselandschaft.
Für das Nachfolgealbum Studio Grande II ging Berner die lange geplante unorthodoxe Partnerschaft mit dem Arrangeur und Komponisten Jan Gericke ein. Die Backing-Band wurde ausgetauscht und wieder überschlug sich die Presse, Höhepunkt dieses 2003er Albums war sich den Thron „Album des Monats“ mit Wir Sind Helden in der bundesweiten Prinz-Ausgabe teilen zu dürfen.
Mehr als 6 Jahre sollte es dauern bis ein weiteres Album dieser Kultband erscheint. An Umbesetzungen hatte sich Kai Berner, Kopf, Gitarrist und Sänger von Studio Grande zwar gewöhnt, aber erst nachdem Starmischer Jem den mehrmals überarbeiteten Aufnahmen den finalen Schliff verpasste wurde die Veröffentlichung für den Sommer 2010 festgesetzt. Auf „Lass es uns trotzdem tun“ (RDS/Cargo Records) geben sich Studio Grande größte Mühe mindestens eines zu sein: Kritikerlieblinge.
Hallo Kai, lange nichts mehr von Dir und Deiner Band gehört.
Kai: Ja, das stimmt. Gefühlte 100 Jahre. Aber tatsächlich waren es doch nur 7 Jahre.
Das letzte Studio-Grande-Album ist 2003 erschienen. Was hast Du denn die ganze Zeit gemacht?
Kai: Unser Keyboarder Jan hat sich einen Bauernhof in der Eifel, das hat schon ein Jahr gekostet, da hab ich nämlich beim Umbau geholfen. Um mich davon zu erholen ging ich dann erstmal in ein anthroposophisches Kollektiv nach New England: Mit Ackerbau und Viehzucht und allem drum und dran. Das waren noch mal eineinhalb Jahre.
Und keine Musik mehr gemacht?
Kai: Doch, doch, natürlich. Wir haben die ganze Zeit über Songs geschrieben, an die Hundert waren das bestimmt. Auf der jetzt erscheinenden CD sind die zehn, die mir am meisten am Herzen liegen.
Ist Studio Grande eigentlich eine richtige Band? Oder siehst Du Dich eher als Songwriter?
Kai: Grundsätzlich ist es bei Studio Grande so, dass ich die Songs schreibe und mit einem Kollaborateur texte. Aber erst durch die Mitarbeit der Band werden sie zu dem, was sie sind.
Und jetzt also das neue Album: Lass es uns trotzdem tun. Ein schöner Titel.
Kai: Danke.Man sollte im Leben viel mehr trotzdem tun, ohne wenn und aber und ewiges Abwägen. Auch wenn es um die Veröffentlichung dieses Albums geht, ist da viel “trotzdem” drin. Denn musikwirtschaftlich gesehen, sind wir nicht kommerziell genug. Wir tun es trotzdem, egal ob sich das Album 500 oder 50 000 mal verkauft. Ich mach diese Musik, weil ich nicht anders kann. Ich überlege dabei nicht, wie sie möglicherweise mehr Geld einspielt. Den gleichnamigen Song auf dem Album hat übrigens unser Keyboarder Jan geschrieben.
Auf dem letzten Album gab es ja 100 Prozent Liebeslieder, Die neuen Songs sind da ganz anders.
Kai: Das letzte war ein Konzeptalbum über die Liebe, und wie man über sie singen kann. Die neuen Songs beschäftigen sich mit den Kleinigkeiten, die einen tieferen Einfluss auf unser Leben haben, die uns ganz plötzlich und unerwartet glücklich machen können, für einen Augenblick. Nimm den Song “Siehst Du”. Oft hilft schon ein kleiner Sichtwechsel, und alles sieht ganz anders aus. Doch die kleinen Dinge werden einfach nicht mehr beachtet, alle wollen ganz hoch hinaus, und so bleibt oft das wahre Glück auf der Strecke. Doch: Auch auf diesem Album geht die Liebe ja nicht ganz unter!
Auf dem neuen Album ist ja auch Roland Meyer de Voltaire dabei. Wie ist es denn dazu gekommen?
Kai: Während Voltaire ihre letzte Platte aufnahmen, wohnten sie teilweise bei mir, so freundeten wir uns an und wollten unbedingt mal was zusammen machen. Und so ist es dann gekommen. Mal ganz abgesehen von ein paar guten Ideen, die er einbrachte, der Junge kann singen. Und Voltaire ist übrigens eine sehr gute Band.
Was magst Du am neuen Album eigentlich am liebsten?
Kai: Es ist ein Ausdruck von Freiheit. Die Platte ist frei von jedem Kalkül, versucht keine Erwartungen zu erfüllen. Es geht allein um die eigene Sicht der Dinge. Das leistet sich heute leider nicht mehr jede Band. Außerdem geht auch ein Kompliment an “Jem” Peter Seifert, der es verstanden hat, die Platte zu mischen. Es ging nicht darum, eine Hochglanzproduktion zu machen, sondern schlicht weg darum, dass es uns selbst gefällt und mit höchster Befriedigung erfüllt
Was plant ihr jetzt? Geht Ihr auf Tour?
Studio Grande funktioniert nicht nach einem Plan. Aber: Klar wird es Konzerte geben, doch eher spontan als im Sinne einer klassischen Tour. Zudem haben wir im Studio unseres Schlagzeugers Björn bereits begonnen, die nächste Platte aufzunehmen. Ich sag jetzt mal, sie wird im Frühling 2011 erscheinen, wenn alles klappt…


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