Summertime and the living is easy
Heiß: Catherine Russell bittet zum Sundowner
Endlich! Endlich! Gerade rechtzeitig zur heißen Phase der Fußball WM kommt auch das Wetter so richtig in Wallung und lässt die Gesamtfieberkurve ansteigen. Genau in diesem Stimmungshoch von Siebenschläfer-Sommer und Dauerhitzewelle entdecken wir auch das passende Album, das sich wunderbar in die Gemütslage schiebt wie eine vollendet weiße watteweiche Wolke, die gemächlich den ansonsten endlos blauen Himmel durchzieht. „Inside This Heart Of Mine“ von Catherine Russell ist ein wunderbares Roots-Abum, das einen in schwüle Sommernächte nach New Orleans und Chicago versetzt. Vollgepackt mit Rhythm und mit Blues, Jazz und Swing, mit herrlichem lazy feeling, das sich wohltuend ausbreitet.
Getragen von Russells Stimme, die unaufgeregt, sehr pointiert und wohl temperiert mal von „Troubled Waters“, mal von „Quiet Whiskey“ erzählt, einen hier mit „Slow As Molasses“ verführt und dort mit „Struttin´With Some Barbeque“. Ja Freunde, schmeißt den Gartengrill an und holt die edleren Spirituosen hervor, diese Sommerplatte will angemessen gefeiert werden. Die exzellent ausgewählten Songs changieren zwischen der Leichtigkeit und Lässigkeit von Django Reinhardt-Riffs und der lasziven Schwüle gestopfter Trompeten. Das sind schleichende, schnurrende Katzen und jaulende Hunde, die Hinterhöfe nach Essensresten durchsuchen, langsam dahin gleitende Kähne in den Bayous Louisanas, das breite Grinsen von „Satchmo“ zwischen zwei Trompetensätzen, Al Capone nebst Gamaschen-Gang in eine Chicagoer Nightclub während der Prohibition, Straßenmusiker an den Kreuzungen von Big Easy, deren schwitzende Klänge verdunsten unter Ventilatoren in Piano-Bars, wo erfrischende Drinks kurz Abkühlung von der Gluthitze verheißen.
Namen wie Fats Waller, Duke Ellington und Willie Dixon tauchen in der Creditlist des Albums auf, aber auch Namenlose, die es fortan nicht mehr sein werden, weil ihre Lieder auf direktem Wege „Inside This Heart of Mine“ wandern. Catherine Russell sei Dank, die sich unüberhörbar an ihren großen Vorbildern Etta James, Abbey Lincoln, Louis Armstrong, Bessie Smith, Pearl Bailey and Ella Fitzgerald orientiert, die eine Gesangsausbildung am Berklee College of Music in Boston nachweisen kann, aber die eigene Mutter als die beste Lehrerin würdigt. Mit zahlreichen namhaften Kollegen wie Paul Simon, David Bowie, Steely Dan, Cyndi Lauper, Jackson Browne, Donald Fagan und Rosanne Cash hat sie bereits auf der Bühne gestanden und ihr letztes Album hat 2008 den Preis der Deutschen Plattenkritik in der Sparte Jazz erhalten. Umso erstaunlicher, dass diese Mittfünfzigerin immer noch weitgehend unbekannt und dies überhaupt erst ihr drittes Soloalbum ist. Kaum zu glauben, dass einige dieser lebensbejahenden, entspannten Songs in den Zeiten der Großen Depression entstanden sind.
Catherine Russell ist eines jener seltenen, sehr edlen Alben gelungen, die die ganze Band- und Faszinationsbreite ursprünglicher Musik ausloten, Gefühle tragen und treffen. Dieses Roots-Juwel ist von jener Brillanz, aus dessen Essenz Woody Allen ein neues „Manhattan“ oder „Stardust Memories“ erschaffen könnte. Zumindest wäre es ein perfekter Soundtrack zu einer Südstaaten-Story des ewige Stadtneurotikers. „Indide This heart Of Mine“ hat ähnlich viel Flair und Charme wie das glänzend von Joe Henry Vorjahres-Meisterwerk von Allen Toussaint namens „The Bright Mississippi.“ Und genau auf diesen großen Fluss scheint man zu schauen beim Anhören der Songs, auf der Terrasse einer alten Holzvilla sitzend und dem Strom beim beharrlichen Fließen zusehend bis am Abend das Sonnenlicht auf glitzernden Wellen nach Hause treibt – wo immer das sein mag. Zeit für einen Sundowner. Barkeeper noch einen Southern Comfort mit viel viel Eis bitte! Ach ja und Play It Again, Cat!
www.catherinerussell.net


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