Atem anhalten
Junger Folk-Riese: The Tallest Man On Earth
Vergleiche mit Bob Dylan sind bei jedem jungen Songwriter sehr hoch, meist viel zu hoch gegriffen. Und wenn überhaupt, würde man dann wohl am ehesten an einen Amerikaner denken, oder? Weit gefehlt – Kristian Matsson alias The Tallest Man On Earth ist ein junger Schwede. Aber alter Schwede – ist der gut! Sein erstes Album „Shallow Grave“ trug ihm bereits zahlreiche Dylan-Vergleiche ein. Sein gerade erschienenes zweites Werk „The Wild Hunt“ setzt noch einen drauf und lässt einem beim Hören die Kinnlade runterfallen und die Ohren sperrangelweit offen stehen. Zehn famose Songs, die über jeden Kritiker-Zweifel erhaben sind. Echte, aber sehr eigenständige Verbeugungen vor Holy Bob ohne jede Anbiederung. Lediglich einmal, im großartigen „King Of Spain“ outet Matsson sich als Dylan-Epigone und zitiert mit der Textzeile „Boots Of Spanish Leather“ den Meister selbst. Ein sympathisches Augenzwinkern.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal ein solch mitreißendes, purististisches Lagerfeuer-Folk-Album gehört habe, das in all seiner Schlichtheit vor Schönheit nur so strahlt. Und ja, Bob Dylan ist wirklich allgegenwärtig, sei es im Klang der akustischen Gitarre, sei es im Gesang, sei es in der Art des Storytellings. Was der 27jährige schwedische Songwriter hier vollbringt, ist ein kleines Wunder. Denn es erinnert einen daran, wie der junge Robert Allen Zimmermann in den 60er Jahren begann, mit Gitarre, Mundharmonika, Poesie und einer krächzenden Stimme die Welt zu erobern und zum Inbegriff des Songwritings zu werden, zur angebeteten Ikone der Populärmusik, zum legendenumwobenen Phantom und Literatur-Nobelpreisanwärter – zum ewigen Primus inter pares,
Wie verblüffend die Nähe von Matsson zu Dylan ist, davon könnt Ihr Euch selbst überzeugen mit der liebevoll gemachten Mini-Dokumentations-Serie der Secret Garden Videos von Hooves On The Turf:
Secret Garden Video Series: The Tallest Man on Earth from hoovesontheturf (sarahana) on Vimeo.
The Tallest Man on Earth ist zu wünschen, dass es ihm gelingt, mit seinem wunderbaren Album-Blick in den Folk-Himmel zugleich die Beine sicher auf dem Boden zu halten. Dann dürften noch einige Höhenflüge von ihm zu erwarten sein und er sich auf Dauer zu einem der Biggest Man on Folk Earth aufschwingen. „The Wild Hunt“ ist jedenfalls schlicht Atem beraubend und ergreifend – unbedingt anhören! Freut mich jedenfalls außerordentlich, dass sich zur starken skandinavischen Damen-Riege des gehobenen Songwritings mit Anna Ternheim, Tina Dico, Ane Brun, Katharina Nuttall nun auch ein junges, viel versprechendes männliches Pendant gesellt.
www.myspace.com/thetallestmanonearth


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