Chapeau SPD und Bündnis 90/Die Grünen!
Joachim Gauck als Bundespräsident – eine gute Wahl
Das war schon fast eine Antrittsrede, die ich gerade eben live im Fernsehen verfolgen durfte. Mit Joachim Gauck präsentierten SPD und Bündnis 90/Die Grünen heute Morgen ihren gemeinsamen Kandidaten für die Wahl zum Bundespräsidenten. Nach dieser kurzen Vorstellung kann man zu diesem Vorschlag nur eins sagen: Bravo! Was für eine kluge, sensible und auch taktisch geschickte Personalwahl dieser beiden Parteien. Ein charismatischer und sympathischer Mann, der das Volk wirklich repräsentieren würde, der das Wort Freiheit nicht als leere Worthülse gebraucht, sondern als Lebensinhalt und Leitgedanken.
Ein ebenso scharf- wie feinsinniger Mensch, der sich tatsächlich noch als Teil der Gesellschaft begreift und Demokratie nicht allein als Leistung der Mächtigen begreift, sondern als die Verantwortung aller, die Demokratie mitgestalten. Ein Demokratieverständnis also im ursprünglichen Sinne. Seine Aussage, dass nicht allein die, die den Staat qua Amt machen, der Staat sind, zeigt bereits nachdrücklich seine Überparteilichkeit und ein klares Verständnis von der Aufgabe, mit der er betraut werden könnte, mit der man ihn unbedingt betrauen sollte.
Eine wirklich exzellente Wahl der beiden Oppositionsparteien, die damit die Kanzlerin und ihre Koalitions-Partner in Bedrängnis bringen. Denn dieser Joachim Gauck ist ein ganz anderes Persönlichkeits-Kaliber als der schwachbrüstige Wullf, der bei seiner Vorstellung gestern nur artig Höflichkeits-Floskeln Richtung des Dreiergestirns aufsagte, aber keinesfalls den Eindruck vermittelte, dass da ein respektabler Präsidenten-Kandidat vor die erwartungsstarke Öffentlichkeit tritt. Welche Wohltat hingegen Herr Gauck. Schon seine ersten, sehr reflektierten Sätze von Joachim Gauck vermittelten genau das, was dieses Land jetzt braucht. Unabhängigkeit, Freiheit, Mut und Orientierung über alle Parteigrenzen hinweg. Mit einem solchen lebendigen, wehrhaften Geist der Freiheit und mit dem Mut zur Veränderung, wie er sie glaubwürdig verkörpert, wäre dann wirklich Staat zu machen, der dann eben auch die Staatstragenden ermahnen und zur Räson bringen kann, wenn es nötig ist. Und das ist ja leider immer öfter der Fall.
Joachim Gauck wäre als kritischer Geist, der Wahrhaftigkeit, Würde und den Willen zu einer wertehaltigen Führung in die Waagschale wirft, eine Idealbesetzung für dieses Bundespräsidentenamt. Seine kurzen, klaren, scharfen und ermutigenden Sätze waren differenzierte und pointierte Leitgedanken, wie man sie sich von einem Staatsoberhaupt wünscht. Wie formulierte es der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel so treffend. Mit Gauck präsentiere man einen Kandidaten, der ein “Leben” vorzuweisen hat und keine “politische Karriere”. Diese auf den gestern von den Regierungsparteien vorgeschlagenen Christian Wulff gemünzte Aussage trifft es im Kern. Die blasse, stromlinienförmige, ausstrahlungsarme “zweite Wahl” aus Niedersachsen hat auch nicht annähernd das Format von Gauck, dessen Biographie ein Spiegel deutscher Geschichte ist und des aufrechten Gangs ist.
Mehr als bemerkenswert, dass Frau Merkel diesen flügelübergreifenden, frühzeitig an die Regierung herangetragenen Vorschlag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen tatsächlich aus partei- und machttaktischen Gründen ausgeschlagen hat und damit einen höchst ehrenwerten und durchaus mehr als konsensfähigen Kandidaten, der insbesondere auch ihre eigene Herkunft, Geschichte und Werdegang repräsentiert. Was unsere Bundeskanzlerin einmal mehr als Machtpolitikerin mit äußerst geringem Horizont disqualifiziert, die hier jetzt tatsächlich ungeheuer kleinkariert agiert und die Chance verpasst, eine im wahrsten Sinne des Wortes politische und gesellschaftliche “Einigung” zu erzielen, die einen Bundespräsidenten auf dem Fundament des neuen, gemeinsamen Deutschland installiert.
Bleibt zu hoffen, dass sich bei der Bundesversammlung viele ihrer Freiheit der Gewissensentscheidung erinnern und die Parteizugehörigkeit außer acht lassen, wenn es am 30. Juni darum geht, der Krise des Landes mit der Wahl von Joachim Gauck zu begegnen, der die intellektuelle Schärfe eines Roman Herzog und eines Richard von Weizsäcker ebenso besitzt wie die emotionale Tiefe.
Ach ja und eine Bemerkung noch zu den Linken. Sollten die es jetzt tatsächlich wagen, nach diesem exzellenten Vorschlag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen einen eigenen Kandidaten aufbieten zu wollen (möglicherweise noch einmal den unsäglichen Peter Sodann), ist ihre Zukunft am 30. Juni ebenso bald zu Ende wie die der Regierungskoalition, die mit ihren uncharismatischen, eigennützigen Vorschlägen von der Leyen und Wulff deutlich gemacht haben, dass sie das Volk und deren Wille nicht die Spur interessiert. Mit welcher Wahl, wenn nicht mit der von Joachim Gauck, könnte DIE LINKE deutlicher machen, dass sie sich wirklich von der DDR-Diktatur distanziert und als demokratische Partei emanzipiert. Alles andere wäre ein Zeichen von Unbelehrbarkeit und mangelnder demokratischer Reife.


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