Politik - 02.06.10 -

Käßmann übernehmen Sie

Ursula von der Leyen schon als neue Bundespräsidentin verabschiedet?

“Wird sie die Mutter der Nation?” Wie immer ist die BILD-Zeitung unvergleichlich, wenn es darum geht, Schlagzeilen zu machen, aber auch Stimmungen zu befördern. Was diese Headline in Bezug auf die wohl von der Regierung favorisierte Bundespräsidenten-Kandidatin Ursula von der Leyen bedeutet, ist wohl klar. Lasst uns eine vermeintliche Kümmerin ins Amt hieven, die aber brav gehorcht und der Mama Angela nicht widerspricht. Ja das ist unsere politische Elite dieser Tage.

Sie spielt “Die Unverbesserlichen” und will uns eine halbwegs junge (aber in Sprache, Habitus und Gestus furchtbar altbackene) bestens versorgte, auf beinahe geheimnisvolle Weise ohne sonderliche Anstrengungen in politische Ämter gelangte Inge Meysel für Gutsituierte als Staatsoberhaupt unterjubeln. Na Bravo – eine konservativere Erscheinung hätte man wirklich kaum finden können. Glaubt wirklich irgendjemand ernsthaft, dass diese rundumversorgte Handpuppe des Berliner Kasperletheaters eine staatstragende Figur macht, eine Repräsentantin der vielen sein könnte, die sie eben noch zu Straßenkehrern machen wollte. Diese Frau ist so weit von den menschlichen Alltagsrealitäten entfernt wie die Sonne von der Erde.

Was immer man Horst Köhler jetzt vorwerfen mag, der größte Schaden, den er mit seinem Rücktritt angerichtet hat, ist, dass das Volk in der schwersten Krise seit dem Ende der Nazi-Diktatur jetzt tatsächlich mit Nachfolgekandidaten wie eben der Albrecht-Tochter und den ebenfalls genannten Kandidaten Schäuble oder Stoiber belästigt wird. Man nehme nur das Beispiel Schäuble. Dass dem Kohl-Adlaten – nach der CDU-Spendenaffäre seinerzeit überhaupt noch politische Ämter anvertraut wurden, ist schon unsäglich. Diesen 100.000-DM-Mann zum Staatsoberhaupt zu befördern, das können nur realitätsferne Talk-Show-Dauernervensägen wie Olaf Henkel und Arnulf Baring (wie gestern bei Maischberger mal wieder peinlichst demonstriert) befürworten. Oder noch schlimmer Stoiber. Man stelle sich nur vor, wie dieser wortgewandte Charmeur einem Barack Obama den Unterschied zwischen Zug und Flug erklärt, niemand mehr würde Deutschland für das Land der Dichter und Denker und schon gar nicht geeigneter Diplomaten halten. Frau Pauli, Attacke bitte!
Sehr erstaunlich und vielsagend übrigens, dass der nationale Oberdampfplauderer ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit mal nicht die Riesen-Westerwelle macht und auf einen eigenen Kandidaten verzichtet. Warum eigentlich? Mit einem wahrhaft liberalen kritischen und zutiefst demokratischen Geist wie Gerhart Baum wäre doch wahrhaftig Staat zu machen. Neben Frau Hamm-Brücher die letzte noch wirklich achtenswerte Persönlichkeit des deutschen Liberalismus. Der wahre Grund, warum der ach so standhafte Wetterfähnchen-Vizekanzler sich so still verhält, ist, dass er seinen Wählern demnächst jede Menge Steurerhöhungen statt – entlastungen verklickern muss. Kein Wählerverrat wird je größer sein als der der angeblich so kämpferischen FDP, die ihre Umfallerqualitäten zur Postensicherung ja jetzt schon in NRW beweist. Die selbsternannte Freiheitsstatue der Nation ist längst die Bondage-Puppe der Sachzwänge.

Zurück zu von der Leyen als offensichtlich erste Wahl der ansonsten vor Verantwortung sich geradezu versteckenden und stillschweigenden Bundeskanzlerin, die bereits zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit besser als ihr Mentor Kohl beherrscht, was der erst nach 16 Jahren perfektioniert hatte: Das Aussitzen von Problemen. Und damit wird auch das eigentliche Dilemma klar, dass Köhler mit seinem Rücktritt uns allen als Denksportaufgabe mitgegeben hat. Die sich nun völlig als Inkompetenz darstellende Richtlinienkompetenz der Bundeskanzlerin Merkel, der man gerade jetzt einen Kandidaten-Geistesblitz gönne würde wie Heiner Geißler, einem Mann, der seinen politischen Horizont so sehr erweitert hat, dass er sich vom ehemaligen Kettenhund der Union zu einem gewissenhaften Sozialpolitiker mit Blick fürs Wesentliche entwickelt hat. Aber ein Attac-Mitglied als Bundespräsident, das unflätige Geschrei würde man gerne hören.

Also bleibt die Gretchenfrage, die in diesem Fall eine Angela-Ursula-Frage ist. Wollen wir der Ohnmacht der Macht jetzt auch noch 365 Muttertage im Jahr gestatten? Wollen wir uns weiter einer solch fatalen Führungslosigkeit als williges Schlachtvieh hingeben? Wollen wir uns wirklich von der Mutter Teresa Attitüde blenden lassen, mit der von der Leyen nur verdecken soll, dass Berlin mittlerweile ein Elendsviertel der politischen Klasse ist und diese Regierung ein echter Pflegefall? Nein Danke!

Was unser Land angesichts als dieser Fehlbesetzungen dringend braucht, ist ein Staatsoberhaupt, das Rückgrat und Standing hat und ein echtes Korrektiv dieser peinlich desaströsen Regierung und ihrer gebündelten Unfähigkeiten ist. Solchen Mut, solche Kritikfähigkeit und Orientierung und geistige wie moralische Führung zu entwickeln, ist von einer Vertreterin des Großbürgertums mitnichten zu erwarten. Statt dieser Mutter der Nation also sollte man sich eine authentische Stimme des Volk wünschen, die dessen Interessen ernst nimmt und auch lautstark verteidigt und anmahnt. Damit sind wir wieder bei der BILD, die uns mit ihrer heutigen Schlagzeile leider die Tatsache vorenthält, dass der Wille des Volkes ein ganz anderer ist. Denn bei einer Online-Umfrage der BILD liegt von der Leyen weit abgeschlagen hinter… Na wem wohl? Margot Käßmann! Mit knapp 35% gegenüber gerade mal 14% für von der Leyen.

Bei einer ähnlichen Umfrage der “Zeit” votieren gar 45% für Käßmann versus gerade mal 6% für von der Leyen. Da atmet man doch erleichtert auf und hofft auf Besinnung in Berlin bzw. um genau diesen Alternativ-Vorschlag von Seiten der Opposition. Ganz egal, ob die Linken dann auch wieder einen Pausenclown ins Rampenlicht zerren.

Fazit: Das Volk, ob BILD-schlicht oder ZEIT-kultiviert ist bei weitem nicht so dumm, wie die Regierenden es machen wollen. Und vor allem haben die Menschen ein sicheres Gespür dafür, dass in dieser Zeit der Entwertung des Geldes durch den bedingungslosen Glauben an den Götzen Geld ein echtes Werte-Gegengewicht her muss. Und da gibt es ganz offensichtlich keine glaubwürdigere und bessere Repräsentatin unseres Denkens, Fühlens und Wollens als diese tapfere Frau aus Hannover.
Frau Käßmann, bitte übernehmen sie!



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