Musik - 15.05.10 -

Sensibel, Klug, Menschlich, Wahrhaftig

Mairegen – ein Meysegen großer Liedkunst

Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der Reinhard Mey nicht irgendwie präsent und relevant war. Mal mehr, mal sehr, mal weniger. Als herausragender Texter vor allem, der stets den richtigen, treffenden Ton zu seinen musikalischen Tönen findet. Einer, der Sprache wertschätzt und bis in die letzte Feinsinnigkeit und Bedeutung der Wortwaage mit ihr umzugehen versteht. Ein Poet ersten Ranges. So nahe gekommen wie mit seinem neuen Album „Mairegen” ist er mir lange nicht. Zuletzt mit „Farben” und das liegt mittlerweile zwei Jahrzehnte zurück.


Das 25. Album von Reinhard Mey ist eines der beeindruckendsten, bewegendsten, besten, für mich persönlich sogar das gesamtheitlich gelungenste in der bereits über 40 Jahre andauernden Karriere des heute 67jährigen. Denn alle 14 Lieder auf „Mairegen” beschreiben, bewundern das Leben, seine Geschichten und Gestalten auf ihre ganz eigene liebevolle und liebenswerte Weise. Selbst in den schwersten Momenten wie dem schicksalhaften „Drachenblut,” das seinem seit über einem Jahr im Wachkoma liegenden Sohn Maximilian (27) gewidmet ist und das zu Tränen rührt, findet der dreifache Vater Mey über die Traurigkeit zum Trost, über die Sorge zur Hoffnung, über die Erschütterung zur Kraft. Solche positiven, ermutigenden Textzeilen angesichts der Tragik lassen nichts anderes zu als Verehrung und Anteilnahme:

Ein Lidschlag nur, ein Augen-Blick, ein Zeichen ist geblieben,

und die Entschlossenheit, dich in die Welt zurückzulieben.

Begierig zu sehn, in welches Meer der Strom mündet

Hast du dein Licht an bedien Seiten angezündet.

Nun ringt es flackernd um seinen Schein.

Mein fernes, mein geliebtes Kind, schlaf ein.

Ich wünsche der Familie Mey von Herzen, dass sie es ihr gelingen möge, Max als Riese in ihre Welt zurückzulieben.

Gegen diesen Gänsehaut-Monolithen von Lied haben es die anderen 13 Stücke zwar nicht leicht, sich zu behaupten, aber es gelingt ihnen dennoch mühelos. Ob es die sympathische „Antje” mit dem Herzen aus Gold ist oder die „Gute Seele,” die Mey in vielen kleinen menschlichen Begegnungen zu entdecken vermag. Ob die wunderbare Hommage ans „Butterbrot” oder die für schwierige Momente herrlich leichte Zauberformel „Spring auf den blanken Stein”. Ob die wichtige Rückenstärkung „Gegen den Wind” oder das schlichte, aber gewichtige Liebeslied „Wir sind eins.” Ob beim Titellied, in dem der Musikpoet einmal mehr kindliche Ängste und Nöte mit Ernsthaftigkeit und zugleich Augenzwinkern begleitet oder der erneuten Hommage an die Freiheit über den Wolken “Nachtflug”. Reinhard Mey gelingt es durchgehend, Empathie zu zeigen und Sympathie zu wecken, Humanismus und Moral nicht zu predigen, sondern deren Wurzeln im Alltag freizulegen und anschaulich zu machen.

Dem großen deutschen Barden mit der feinen Beobachtungsgabe und den sensitiven, geradezu seismographischen Antennen für alles Menschenmögliche gelingt es sogar, einem in einer Radiologiestation sein tristes Dasein fristenden „Ficus Benjamini” menschlich anrührende Züge zu geben. Und in der fabelhaften Medienkritik-Ballade „Larissas Traum” seziert der große Geist des wirklichen Liedermachens die Perversionen und amoralischen Dimensionen der Casting-Shows, ihrer gewissenlosen Profiteure und ihrer schamlosen Voyeure.

Dieses sich in Wesen und Situationen hinein oder zurückversetzen zu können, ist die ganz große Gabe dieses Reinhard Mey, mit der er einen zu verführen und zu berühren vermag wie kaum ein anderer Liedermacher. Da können nur noch Klaus Hoffmannund die drei großen W mithalten: Wader, Wenzel und Wecker. Mey-Freund Konstantin Wecker ist es dann auch, der seinen Bruder im Geiste auf dem vom Münchner komponierten und mit dem fabelhaften Text des aufrechten Gang von Lothar Zenetti versehenen Lied „was Keiner wagt” begleitet.

Ach ja und das beharrliche Trotzen Meys gegen die neue Rechtschreibung nötigt mir ebenfalls Respekt ab.  Überall widersteht das alt vertraute „ß” im Textbooklet den unsinnigen Anpassungen an die Sprachfaulheit der Nichtdichter und Nichtdenker. Auch das spricht mir und sicher vielen Germanisten direkt aus dem Herzen. So ist „Mairegen” ein Monument deutschen Liedgutes, das viele viele aufmerksame und respektvolle Hörer verdient. Weil diese uneitlen, ungekünstelten Lieder voller Achtsamkeit und Empfindsamkeit, voller Rückgrat und Würde, voller Liebe und Demut sind, zutiefst von Wertedenken, Wertschätzung und aufrichtiger Menschlichkeit geprägt. Also eine absolute Ausnahmeerscheinung unserer Zeit, die man sich zum Vorbild wünscht für junge Menschen und zur Nachahmung empfohlen für die alten, die jungen Herzens sein wollen.

Danke Reinhard Mey!

www.reinhard-mey.de

Ähnliche Artikel:



2 Kommentare zu “Mairegen – ein Meysegen großer Liedkunst”

Eloas Lachenmayr am 25. Januar 2011 10:47

Ja, da schließe ich mich an.
Denn dieser Mann war es schließlich, der mir vor einem Duzend Jahren dazu verholfen hat, dass ich daran glauben lernte, das man als Dichter und Sänger auch heute noch in diesem Land davon leben kann.
Ein Hoch auf den Altbarden Mey und Respekt und viel Mut den Jungbarden dieser Generation

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer am 2. Juni 2010 14:44

Nachdem Meys “Mairegen” seit Wochen auf Platz 1 der von mir gehörten CDs steht, habe ich (eher zufällig) dieses ausgezeichnete Essay gefunden, das mir aus der Seele spricht: ein grandioser Text, der nur noch von den Liedern selbst übertroffen wird, den jeder Mey-Fan aber erkenntniserhellend gelesen haben sollte.
Ergänzen möchte ich, dass “Nachtflug” in einigen Passagen deutlich auf Fontanes Schicksalsballade “Die Brück’ am Tay” anspielt: “in niederschießender Pracht… und wieder ist Nacht” – und so wenn auch unterschwellig-unauffällig auf die stete Gefährdung des Menschen hinweist.
Den guten Wünschen für den “Riesen Max” (ein Lied von 1992) schließen wir alle uns an: Hier sind wir tatsächlich “eins”!
Danke Reinhard Mey, Dank aber auch an den (leider namentlich nicht genannten) Verfasser der CD-Besprechung!

Kommentar schreiben