Pontisex Maximus
Katholische Amtskirche verhöhnt Jesus Christus
Es ist nach der Unfassbarkeit und Unverzeihlichkeit der Verbrechen in Sakristeien, Schulen und Internaten das Zweitschlimmste, das ich der Institution Kirche vorwerfen muss. Dass sie durch die Tatsache des Kindesmissbrauchs und ihrem aktuellen, beschämenden, verwerflichen Umgang damit, einen gläubigen Christen dazu verführt, nein geradezu herausfordert und nötigt, sich mit einer Polemik an die äußerste Grenze der Katholizismus-Kritik zu wagen.
Erst Recht seit der überraschenden Oster-Intervention eines besinnungslos gesinnungstreuen Papstadlaten, der sich mehr um einen alten wohl versorgten Mann sorgt als um auf schändlichste Weise seelisch zerstörte Kinderseelen.
Das ist nun wirklich der Gipfel der Schamlosigkeit, der Unverschämtheit von Gottes Stellvertretern, was sich der Dekan des Kardinalskollegiums Angelo Sodano da just zu Ostern vor aller Augen und Ohren von Gläubigen geleistet hat. Die mehr als verständlichen öffentlichen Reaktionen auf den Missbrauchs-Skandal als Geplapper bzw. Geschwätz abzutun, grenzt an jene Form der geistigen Umnachtung, die die Kirche im Allgemeinen mit Exorzismus auszutreiben pflegt. Das ist nicht christlich, sondern dämonisch!
Selten ist die Fehlbarkeit des Papstes so offensichtlich geworden, wie in diesem beharrlichen, unerträglichen Schweigen des Oberhauptes jener Institution, die sich als die Schutzmacht der Schwachen versteht und genau diese Schwächsten missbraucht in Tat und und jetzt auch noch im Wort eines offensichtlichen verblendeten Fanatikers. Hier wird die werthaltige Nächstenliebe-Botschaft Jesu mit den vom Papst traditionell zum Osterfest frisch gewaschenen Priesterfüßen getreten.
Dieser Jesus Christus hätte genau nicht geschwiegen und die “Sünder” schärfstens angegriffen und zur Rechenschaft gezogen. Nie hätte er seine Kirche auf solch schwache Apostel gegründet. Und ich bezweifle ernsthaft, dass der Nazarener in diesen Missbrauchsfällen Absolution erteilt hätte.
Schon, dass Papst Benedikt am Palmsonntag im Papamobil herumgefahren wurde aus Angst vor möglichen Attentaten, war des Amtes und seiner “Kinder” unwürdig. Wo ist da das Gottvertrauen? Hat Jesus sich nicht auch für alle geopfert? Und wo – um Himmels Willen und in Gottes Namen – ist das ein würdiger Vorstand einer Kirche, der das Wohl der Gläubigen im Auge und im Herzen zu haben vorgibt, wenn er nicht zuallererst bei denen ist, die Beistand brauchen.
Um die Seelen sorgen? Dieser so oft formulierte Anspruch und Auftrag der katholischen Kirche ist derzeit nicht mehr als Hohn und Spott über die Opfer, die als Schutzbefohlene nichtsahnend und gutgläubig in die Hände von kirchlich geduldeten und vor Strafverfolgung bewahrten Sexual-Verbrechern gefallen sind. Denen das Beten nicht mit dem Segen Amen!, sondern mit unseligem Samen vergolten wurde, das einem schlecht wird. Das ist tatsächlich unverzeihlich!
Den Begriff “Jünger” müssen diese Kinderschänder wohl völlig falsch verstanden haben. Und “Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst” ist hier die Pervertierung der heiligen Schrift und aller, denen sie etwas bedeutet. Diese Scheinheiligen, die sich jederzeit und überall als Moralapostel aufspielen und in Wahrheit Oralprediger sind, gießen genau hier auch noch allen muslimischen Extremisten Öl ins fanatische Feuer, das uns “Ungläubige” am liebsten ein für alle Mal verbrennen würde.
Ich weiß sehr wohl aus eigener Erfahrung als Ministrant und Zivildienstleistender in einer vorbildlichen Kirchengemeinde, dass es hier kein Pauschalurteil geben kann und darf und möchte gleich alle Priester um Verzeihung bitten, die fälschlicherweise jetzt mit einstehen müssen für die Verfehlungen weniger und unter Generalverdacht kommen.
Sie und alle, die im Ehrenamt Großes leisten, zählen ebenfalls zu den Opfern, aber sie sind nicht schutzlos, können sich wehren und äußern, können Stellung beziehen innerhalb und außerhalb der Kirche. Die wirklich körperlich, geistig und seelisch Betroffenen sind ihr Leben lang gezeichnet, ihr Innerstes gekreuzigt. Und nur das kann Maßstab aller Diskussion und aller nötigen Konsequenzen sein.
Diese vom Vatikan geschützten Formen von Rechtsverdrehung, Wahrheitsbeugung und Bagatellisierung schwerster Verbrechen bedürfen der schärfsten Interaktion und Provokation überhaupt, solange die Kirche und insbesondere ihr Oberhaupt nicht die Spur von Anstand und erst recht nicht die Kraft findet, all dem mit Offenheit und Wahrhaftigkeit zu begegnen, den Tätern die härteste Geißelung aufzuerlegen und den Opfern mit aller Güte und Gnade und jeder nur erdenklichen Hilfe zur Seite zu stehen.
Sonst bleibt wahren Christen nur die Konsequenz, die Institution Kirche zu verlassen und sich auch ohne Liturgien auf Gott zu verlassen. Das hieße dann auch, sich wieder ganz auf die ursprüngliche Botschaft von Jesus Christus zu konzentrieren, sich seinen Wertekategorien und Moralvorstellungen anzuvertrauen und in dem von ihm gemeinten Sinne all dies weiterzutragen und vorzuleben. Jeder von uns als Apostel, als kleiner Fels, auf den nicht Kirche als Institution gebaut wird, sondern Glaube als Orientierung und Versammlung von Gleichgesinnten – Gemeinschaft eben, die trägt und stützt und schützt.
Genau das ist ja das eigentliche Kreuz mit der Amtskirche und ihrer selbstgefälligen Deutungshoheit des Neuen Testaments, dass sie sich ihres Ursprungs und der daraus abzuleitenden Schutz- und Fürsorgefunktion, vor allem ihrer Seelsorge-Verpflichtung nicht mehr gerecht wird, dass sie sich so von Jesus Christus weiter entfernt als je zuvor und damit auch von allen, denen dieses menschliche Vorbild zugleich Leitbild für das eigene Leben ist bei allen damit verbundenen und unvermeidbaren Fehlern und Defiziten, die weder Papst noch die Kirche dahinter eingestehen aus bloßer Sorge um Macht- und Autoritätsverlust, aus bloßem egoistischen Selbsterhaltungstrieb.
Vielleicht wäre ja gerade ein solch frei gewählter, selbstbestimmter statt aus institutionellem Machtdenken dogmatisch formulierter und auferlegter Glaube die Chance, sich Jesus Christus wieder zu nähern und ihm und seinen Ideen folgen zu können als das, was er zuallererst verkörpert hat: den verletzlichen und durchaus auch in innere Kämpfe verstrickten Menschen, der erst durch sein Zweifeln zum wahrhaft Gläubigen werden kann, der erst durch Selbsterkenntnis und den dadurch erwachsenen und gestärkten Glauben zu einem guten, mutigen, schützenden, toleranten, respektvollen, liebenden Mitmenschen reifen kann.
All das aber kann aus heutiger Sicht nur gelingen in einer von Grund auf reformierten, regelrecht sanierten, weil vom Talarmuff der Jahrtausende befreiten und sich zur menschlichen Fehlbarkeit der Nachfolger Jesu bekennenden Kirche ohne Zölibat und ohne autoritäre, patriachalische Strukturen. Damit wir “Menschenkinder” alle wieder unbeschwert und vor allem unangetastet Vertrauen haben dürfen in den wunderbaren Satz der Protestantin Margot Käßmann “Wir können nie tiefer fallen als in Gottes Hand.”
Ob ich mich am Ende für diese meine Kirche kritisierende, ja lästernde Litanei schäme? So wenig wie jene angeblichen Hirten, die ihre Schafe auf dem Altar der Fehlbarkeit und Unantastbarkeit seelisch schlachten!


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