Musik - 05.04.10 -

Streicherkitsch vom Gitarrengott

Jeff Beck enttäuscht seine Fans

Dass ich das noch einmal erleben muss, ist schade und fast eine Schande zu nennen. Denn eigentlich bewundere ich Jeff Beck seit meiner Jugend zu sehr, als dass ich mich wagen würde, diesen Giganten des Gitarrenspiels zu kritisieren. Aber sein neues Album „Emotion & Commotion” lässt mir leider keine andere Wahl, weil vieles darauf weit unter den Möglichkeiten dieses ansonsten famosen Instrumentalisten ist, der wie kaum ein zweiter geschätzt wird in Kollegenkreisen – ein echter musician´s musician. Sein neues Werk aber ist bis auf wenige Ausnahmen eine herbe Enttäuschung!

Diese zumeist uninspirierten Coverversionen sind unter der Würde eines Jeff Beck, der sonst so oft mit seiner Experimentierfreude und dem Mut zu Fusion und Crossover begeistert und uns einige formidable Alben geschenkt hat, die Blues, Rock, Jazz und einiges andere erfrischend und nicht selten überraschend gemischt haben. Zuletzt konnte man sich fast berauschen an seinem auf CD + DVD verewigten Live-Auftritt  ”Performing This Week …Live At Ronnie Scotts.”

Davon ist „Emotion & Commotion” meilenweit entfernt. Schon der mit Streicherzuckerguss überzogene Opener „Corpus Christ Carol” lässt nichts Gutes ahnen. So fahrstuhlmäßiges Emo-Gesülze ist man vom Meister nicht gewohnt. Leider schöpft der Engländer nicht mal ansatzweise die Bandbreite von Spiel- und Stilarten aus, die er ansonsten geradezu zelebriert. Blues und Rock finden sich so gut wie gar nicht, einige der mit Symphonieorchester überladenen Songs ziehen das Album gar über die Grenze zum Kitsch wie etwa das leider völlig missratene „Somewhere Over The Rainbow.” Da lobe ich mir dann doch die weitaus gelungenere, lässig hingetupfte Live-Version von Eric Clapton, dem anderen genialen Gitarristengott Great Britains, auf dessen Album „One More Car, One More Rider.”

Bei „Nessun Dorma” hört es dann ganz auf. Das war schon bei Michael Bolton grenzwertig, aber gerade noch zu ertragen. Aber Becks Idee, furchtbar sentimentale Gitarrenschleifen mit Pavarotti und Co konkurrieren zu lassen, ist regelrecht ärgerlich. Sorry Jeff, das geht gar nicht! Da bin ich heilfroh, die tiefe, schlichte und schöngeistige Poesie-trifft-Piano-Version von Konstantin Wecker zu hören (was ich als Erholung gleich machen werde), die in „Für Meinen Vater” die ganze Seelentiefe dieser wunderbaren Arie abbildet.

Lassen wir zum Schluss die Hoffnung nicht ganz fahren. Denn der 65jährige Beck hat auch etwas auf der Habenseite stehen. Drei Songs mit weiblicher Gesangsbegleitung, vorneweg die beiden Kooperationen mit Joss Stone auf „I Put A Spell On You” (mal auf Youtube die wirklich fabelhaften Live-Versionen ansehen) und „There´s No Other me” darf man als gelungen bezeichnen, weil hier die satte, schmutzige Soulröhre der jungen Sängerin auf die von Beck bekannten, kurzen und prägnanten Soli treffen. Da passt es dann so, dass man sich mehr von dieser Klasse wünscht. Von solchen filigranen Erkennungszeichen des Gitarristen, die seinen erstklassigen Ruf begründen und mit denen er in den 60er wie bei „Beck´s Bolero” zur Referenzklasse der Rockgitarre aufstieg, gibt es hier aber leider nur ganz ganz wenig.

„Lilac Wine” mit der ebenfalls großartigen irischen Sängerin Imelda May punktet zwar, aber das Ganze würde auch hier ohne die Streicher mehr Eindruck hinterlassen. Letztlich würde ich darum die genialen Fassungen von Jeff Buckley oder Nina Simone bzw. die ebenfalls sehr schöne Version von Katie Melua vorziehen. Aber immerhin, Becks Gitarre klingt hier wieder nach Beck. Von den übrigen Songs hat das kräftige „Hammerhead” als einziger ansatzweise das, was man von einem Jeff Beck Album erwartet, hier blitzt der wirkliche Virtuose auf, der das Instrument in seiner Gänze beherrscht und immer wieder erforscht.

Zu seinem 66. Geburtstag im Juni wünsche ich Jeff Beck das Geschenk der Inspiration zurück und dass sein geniales Gitarrenleben dann – frei nach Udo Jürgens – wieder anfängt und er und wir Spaß daran haben.

Ähnliche Artikel:



2 Kommentare zu “Jeff Beck enttäuscht seine Fans”

walter am 22. Dezember 2011 23:29

Stimmt alles nicht diese Cd ist ein einziger Genuss.
Gerade diese klassische Seite von Jeff Beck zeigt
einmal mehr was für geniale Klänge auf der Gitarre
möglich sind wenn man dazu in der Lage ist.

gitanack am 8. April 2010 08:12

Stimmt, die Platte ist scheußlich hohl pathetisch bombastisch und kitschig, Andre Rieu lässt grüßen.Na ja, wenn’s denn dem Umsatz dient….. I brauch’s nedda

Kommentar schreiben