Song-Blütenpracht
CocoRosie und ihre verzaubernden Klanggärten
Oh Mann, das darf doch alles gar nicht wahr sein. Bin ich denn am Neujahrsmorgen 2010 im musikalischen Schlaraffenland aufgewacht, oder was? In diesem Jahr jagt doch wirklich ein Zauberalbum das nächste. Neuestes Objekt der Hörbegierde ist das spleenig schöne „Grey Oceans” von CocoRosie. Man könnte dieses zarte, erstaunlich tönende Werk auch Schwesternchens Mondfahrt und die Seltsamkeit der Klänge nennen oder Cocos und Rosies verzauberte Klanggärten.
Das neue Album der Geschwister Sierra und Bianca Cassidy klingt jedenfalls als hätten sich Portishead, My Brightest Diamond und Over The Rhine Hand auf dem Weg zu einem Wettbewerb der bizarrsten Schönklänge Hand wie Hänsel und Gretel in einem geheimen Zauberwald verborgener Soundschätze verirrt, wo Feen und Elfen mit Namen wie Björk, Kate Bush, Tori Amos und Joanna Newsom und Kobolde wie Anthony And The Johnsons und The Irrepressibles um in Blumen verwunschene Notenblätter Ringelrein tanzen. Märchenhafte Musik also, die fast unwirklich klingt, wie aus einer anderen Welt, wie aus einem „Fairy Paradise”, so der Titel eines dieser durchweg faszinierenden, brillant entrückten Songs.
Diese hochgradig expressiven Songfragmente vibrieren und schillern wie das Flimmern von Luftpartikelchen im Sonnenlicht. Musik, die so Staunen macht wie einst die Bilder, die Ridley Scott in seinem filmischen Fantasy-Meisterwerk „Legende” erzeugte. Als wenn aus einer Riesenperlmuttmuschel die originären Laute der Schöpfung wie Sternenstaub auf die eben erst für die Welt erfundenen Blüten rieseln und diese mit einem ganz leichten Klangtau bedecken zum Erwachen des allerersten Tages im Garten Eden.
Bereits das Albumcover deutet daraufhin, dass es sich bei CocoRosie um halbwegs spinnerte Fabelwesen handeln muss, die einen musikalischen Mikrokosmos für sich geschaffen haben, ein Biotop aus Sound, in dem es klanglich nur so irrlichtert vor Ideen und Impulsen. Es offenbart sich uns hier ein modernes Musikmärchen, das überaus vielschichtig ist und dem darum unbedingt über Kopfhörer gelauscht werden sollte, um nur auch ja nicht das geringste Zucken der Flimmerhärchen zu verpassen.
Mal oszillieren orientalische Soundschleifen und Arabesken hinein, dann wieder zucken Bläser und Beats durch die Wunderlandschaft, da befreien sich Spieluhrenklänge aus einem Spinnennetz und dort fliegen Töne wie Libellen auf, die von einem Barpiano aufgeschreckt vor dem Echo ihrer Flügelschläge fliehen und dabei über einen morschen Zaun stolpern, hinter dem lebendig gewordene Gartenzwerge in Blütenkelchen mit Halmflöten musizieren.
CocoRosie – Grey Oceans Album Trailer
Betörend schön, geradezu betäubend dieser wundervolle Avantgarde-Folk-Pop, der trotz aller Befremdlichkeit, die ihm zueigen ist, doch sehr hörbar geraten ist. Eine zarte, bunte Seifenblase, der man sich ganz behutsam nähern sollte.
„Grey Oceans” steht dem allseits (auch von uns) zu Recht gefeierten neuen Album von Joanna Newsom „Have One On Me” in nichts nach und ist in seiner originellen Verschrobenheit sogar fast noch konsequenter. Dieses Werk muss jeder Musikliebhaber, der auf diese Bezeichnung Wert legt, in seiner Sammlung haben. Nicht von dieser Welt und gerade deshalb dringend notwendig.
Ich selbst kann nur sagen, dass CocoRosie mich vom Fleck weg verzückt, verzaubert, verwunschen haben mit dieser musikalischen Reifeprüfung und diesem vor Symbolismus überquellenden, im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen Album, das am 30. April auf dem Label Souterrain Transmissions erscheint, bei dem man ein ausgesprochenes Gespür für solche musikalischen Grenzgänger mit Faszinationspotenzial hat.
www.myspace.com/cocorosie
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