Expeditionen ins Hörreich
Elektro-Oase: Schiller für Chiller

Albumcover Schiller "Atemlos"
Das hier wird zum Beginn das reinste Namedropping und ich fürchte von den Jüngeren wird mich niemand verstehen. Es sei denn, ich erwähne, dass es bereits vor Justice, Boys Noize oder Underworld schon geile Elektro-Mucke gab. Und dass deutsche Musiker das Genre Elektronica geradezu entdeckt und entwickelt haben und dafür weltweit Kultstatus genießen. Vielleicht habe ich ja jetzt doch auch deren Aufmerksamkeit. Und zwar für einen modernen Vertreter und Siegelbewahrer des Genres namens Schiller alias Christopher von Deylen, der mit „Atemlos” sein sechstes Album vorlegt und das in einer sehr ambitionierten Form. Denn dieses Opus erstreckt sich über mehr als 30 Tracks mit einer Reihe von illustren Gästen.
Schiller macht da weiter, wo die einst grandiosen und unantastbaren Elektronik-Pioniere Tangerine Dream in die esoterische Belanglosigkeit und Beliebigkeit abgedriftet sind. Ich erinnere noch, dass ich einmal bei einem Tangerine Dream Konzert Anfang der Achtziger in Trance geraten bin, allein von der magisch-magnetischen Wirkung der Syntheziser-Sounds. Bei Klaus Schulze habe ich ähnliches erlebt und ich fühlte mich am Ende des Konzertes fast wie eines seiner Lammflocatis auf der Bühne, auf denen er saß und die wild blinkenden Elektro-Türme bediente. Und dieser seltsame Gefühlszustand war keinesfalls irgendwelchen Bewusstseins erweiternden Drogen geschuldet.
Schiller ist vertraut mit all diesen Quellen und insbesondere dem Erbe verpflichtet von Pionieren wie Kraftwerk, La Düsseldorf, Neu, Michael Rother, Wolfgang Riechmann und den erwähnten Tangerine Dream und Klaus Schulze , bei denen zu meiner Jugendzeit die ganze Welt der Empfindungen plötzlich Klang wurde, reiner Emo-Sound. Auch Enigma, Jean-Michel Jarre und Eroc, das hoch geschätzte Grobschnitt-Mitglied, sind Referenzen, die einem beim Hören von „Atemlos” gleich in den Sinn kommen. Und wo wir gerade beim Thema sind, möchte ich die Gelegenheit nutzen, wenigstens mal in einem Nebensatz eines der schönsten Elektronik-Alben aller Zeiten in einem Nebensatz zu erwähnen: Tim Blakes „New Jerusalem.”
Schiller knüpft an all das an und nutzt das Spektrum von Elektroklängen für seine Expeditionen ins Hörreich, denen man sich wie ein Passagier auf einer langen Schiffreise anvertrauen kann. Das „Willkommen” zum Einstieg in „Atemlos” gibt die Richtung eindeutig vor. „Entspannen Sie sich. Willkommen in der neuen Welt von Schiller” lautet die weibliche Ansage, die in die schöne neue Welt von Christopher von Deylen führt. Eine Welt für Chiller, die Schiller mit beruhigenden, wohltuenden Klanggemälden ausgestattet hat. Entschleunigung und Vertiefung fast spiritueller Art, Wellness-Pop ist das. Aber Achtung – mit esoterischen Oberflächlichkeiten hat das rein gar nichts zu tun, denn von Deylen ist – wie gesagt – ein versierter Vollblutmusiker, der aus dem reichen Fundus der elektronischen Musik schöpft.
Schiller gelingt auf dem Doppelalbum der Spagat zwischen der klassischen Elektronik sowie literarisch ambitionierten Grenzgängereien wie dem Rilke Projekt von Schönherz & Fleer. So reicht dann auch die Gästeliste von der wunderbaren deutschen Schauspielerin Anna Maria Mühe als Rezitatorin über die verschiedene stimmliche Klangfarben einbringenden Sängerinnen Nadia Ali, Lenka und Anggun bis zum exzellenten Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit und zur New Wave Ikone Midge Ure, der mit seiner Band Ultravox sowie solo zu den Größen der Achtziger zählt. Ein breites Spektrum also, das sich hier verfestigt zu Sounds zwischen Ambient und Chillout, zwischen sanften Dancetracks und sphärischen Elektrosounds.
Eine Reise über mehr als 30 Tracks, die mehr Atemholen als Atemlosigkeit bedeutet, unaufgeregt, sehr entspannend und dabei nicht unspannend, weil von Deylen sein Handwerk und seine elektronische Maschinerie beherrscht. Da ist vieles, was auf den ersten Höreindruck fast vorbeizurauschen scheint, beim genauen Eintauchen aber einiges Entdecken und Erspüren lässt. Vor allem aber hat dieses Album den berüchtigten „Flow,” der in dieser Kategorie die Spreu vom Weizen unterscheidet. Hier ist einfach alles im Fluss und miteinander verwoben.
Man ahnt geradezu, dass die vierwöchige Arktis-Expedition von Deylens auf dem Forschungsschiff „Polarstern” im Vorfeld der Schaffensphase tiefe Spuren hinterlassen und in das neue Werk hinein gelegt hat. Manches ist so klar wie Eis und der Meeresgrund, zu dem der Musiker hinabgetaucht ist. Wasser scheint hier in jedem Aggregatzustand anwesend zu sein und die natürliche Quelle, aus der Schiller schöpft. Wenn es derzeit ein Album gibt, dessen Kraft in der Ruhe liegt und ausgeglichene Stimmungsbilder vermittelt, dann ist es „Atemlos.”
Summa summarum: Über zwei Stunden Chill-Out statt Workout. Wellness Stressless. Schon für die Tatsache, dass Christopher von Deylen damit gegen die hektischen Zeitläufte ankomponiert, gebührt ihm reichlich Anerkennung.
http://atemlos.tv
Ähnliche Artikel:
- MGMT – All We Ever Wanted Was Everything
- EMI schließt sich als letzter Major den Klagen gegen Streamingdienst Grooveshark an
- Niederländischer Musiker entdeckt neues Rezept gegen Schlaflosigkeit
- Kunstwerk Kraftwerk – 8 Konzerte im Museum of Modern Art

Beth Ditto macht uns die Madonna
Nachricht aus dem Norden
Der Countdown geht weiter... #4 

















