Archipel Klang
Die Stille nach dem Sturmtaucher – Shearwater
Wenn der Name Shearwater fällt, geht es um seltene und höchst bemerkenswerte Vögel, in diesem speziellen Fall sowohl biologisch als auch musikalisch betrachtet. Sturmtaucher sind Vögel, die mit 64.000 km den Weltrekord bei Zugstrecken halten und bis zu 64 Meter Tiefe tauchen können. Die Musik von Shearwater weist Parallelen auf, denn die Songs der texanischen Band reichen ebenfalls weit und tief und sind leicht und schwer, harmonisch und schräg zugleich.
Mit „The Golden Archipelago” liefert die Band um den ehemaligen Okkervil River Keyboarder Jonathan Meiburg erneut ein Indie Folkrock Werk ab, das wie ein zersplitterter Spiegel der von Meiburg bereisten Welt ist. Karg und bizarr, schroff und zerklüftet, aber in seiner Gesamtanmutung von geradezu überirdischer Schönheit. Vertraute Fremde.
Der studierte Länder- und Vogelkundler Meiburg hat sich eine Weile von der Menschen bevölkerten Welt zurückgezogen und im Geiste Alexander von Humboldts fernste Flecken der Erde bereist und mit seinem Klangkompass vermessen: die von seltenen Tieren besetzten Strände der Falkland- und Galápagos-Inseln hat Meiburg in sich aufgenommen, von Feuerland bis Neuseeland hat ihn sein Forscherdrang getrieben und archaische Begegnungen mit australischen Aborigines und kanadischen Inuit erleben lassen.
Heimgekehrt ist er mit Songs, die in ihrer musikalischen Artenvielfalt von all dem in zerrissener und berührender Weise erzählen, die einem vorkommen wie aussätzige Spezies und vom Aussterben bedrohte Gattungen und die darum auf ganz besondere Weise gefangen nehmen. Mehr noch als beim letzten, ebenfalls tief wirkenden Album „Rook,” das mit seinen emotionalen Ausschlägen von zerbrechlich leise bis berstend laut die Fährten gelegt hat für diese Reise zu den Reservaten der seltenen Klänge.
Shearwaters Klang-Archipel sind Flügelschläge über weite Ozeane und Eisberge hinweg, letzte Spuren einer Welt, die in nicht erhörten Lamentos über ihren Untergang versinkt und wie das vorweg genommene Echo einer kommenden Eiszeit klingt. Das Ende ist nah – zumindest in diesen verloren wirkenden Songs.
Sollte für die nächste Sintflut wieder eine Arche Noah zur Erhaltung der Arten geplant sein, könnte das die Musik sein, die beim Auslaufen gespielt wird, wenn die Weltmeere wieder ganz jungfräulich vor den Lebewesen liegen.
Möge dort draußen irgendwo eine rettende Insel sein, um noch mal ganz von vorne anzufangen.
www.myspace.com/shearwater



Feines Folkalbum
Video des Tages
Neues Album der Punk-Pop-Pioniere
















