Musik - 03.03.10 -

Die Larve Harfe

Famoses Folk-Füllhorn von Joanna Newsom

Joanna Newsom

Die gute Neuigkeit sei gleich auf den wesentlichen Punkt gebracht. „Have One On Me” ist das dritte Joanna Newsom Werk und ihr zweites Wunderwerk – Joanna im Wunderland sozusagen. Ein Märchen für Erwachsene. Eines von in jeder Hinsicht immensen Ausmaßen. Bereits quantitativ ist dieses Album mit einer Spielzeit von knapp über zwei Stunden, verteilt auf 18 Tracks über 3 CD´s ein wahres Opus Magnum. Aber auch qualitativ ist dies ein Werk, das alle nur erdenklichen Superlative verdient, weil es schlichtweg Atem beraubend ist. Mit einer Harfe als Larve, aus der sich die schönsten musikalischen Metamorphosen entwickeln, die man sich nur vorstellen kann.

Es beginnt mit dem zarten, mit sanften Violinen angestrichenen „Easy” und das scheint spontan dafür zu stehen, dass es Joanna Newsom ganz leicht gelingt, einen in Bann zu ziehen. Nicht nur stimmlich begegnet einem gleich hier zum Einstieg in dieses grandiose Album eine Faszination, wie sie die frühen Werke von Tori Amos zu erzeugen wussten. Nur dass hier voller Freude ein instrumentales Füllhorn ausgeschüttet wird wo Amos sich meist auf ihr Piano zurückgezogen hat. Was für ein Prachtsong.

Und es ist nur der erste von 17 weiteren, die folgen. Darum sei dem Rezensenten hier eine Einzelbesprechung erspart, weil dieser Text sonst kein Ende nehmen wird angesichts all des Lobenswerten, das in jedem der neuen Newsom-Songs steckt.

Aber die folgenden 11:11 Minuten, in die der Titelsong gegossen ist, wollen auf jeden Fall besprochen werden. Denn zum ersten Mal werden wir hier wieder Ohrenzeugen des virtuosen Harfenspiels der 28jährigen und ihrer außergewöhnlichen Begabung, ein komplexes vielschichtiges Hörwunder zu erschaffen, das einem vor Staunen den Mund und erst recht die Ohren weit offen stehen lässt.

Von der perlenden Harfe über Violinen, Flöten, Posaunen bis zum Paukenschlag ist alles da, was man sonst nur aus symphonischen Werken kennt, aber das hier ist Folk und Pop und Rock und Avantgarde und alles zugleich. Das grenzt in seiner Dichte und seinem Abwechslungsreichtum schon an den großen Klassiker „Peter und der Wolf” von Sergei Prokofjew. Das ist Joni Mitchell mit Schmetterlingen im Bauch und Tori Amos voller Gottvertrauen.

Schon nach diesem überwältigenden Auftakt ist man geneigt, Joanna Newsom die kostbarste Krone der Welt aufzusetzen. Aber für das, was diese musikalische Zauberin hier leistet, müsste man sie mit ganzen Schatzkisten voller Kronjuwelen überschütten. Man schwebt wie eine Libelle durch diese Klanglandschaften, die unsagbar schön sind. Vorbei am verträumten „81″ mit einer Melodie, die so zart ist wie Löwenzahn. Ein Atemhauch und alles löst sich in Luft und Licht auf. Weiter zu „No Provenance,” das einen gleich mit einem „Hallelujah” und wunderbar warmen Holzbläsern willkommen heißt.

Auch ihre Stimme setzt Joanna Newsom weiterhin konsequent und bewusst als Instrument ein, in Schattierungen von kindlicher Naivität bis zur Unschuld vortäuschenden Verführerin. Es kann einem angst und bange werden, wenn man bedenkt, dass diese junge Frau erst am Beginn einer Karriere steht. Was wird sie uns im Laufe der kommenden Jahre noch alles schenken an Schönklang, den man schon beinahe für unwirklich hält? „Baby Birch” öffnet seinen Blütenkelch voll feinstem akustischem Nektar, den wir uns begierig ins Gehör träufeln. „On A Good Day” ist ein kaum zwei Minuten langes eingelöstes Versprechen, dass der Tag gut wird, wenn man nur dieses Lied gleich nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen hört.

Ein elfengleicher Song wie „Go Long” tröstet einen über die Tatsache hinweg, dass wir von der guten Kate Bush nur noch sporadisch hören. Hier hat ihr Joanna Newsom ein luftiges, transparentes Folk-Gewand übergeworfen und lässt es erfrischende Tautropfen auf die Kollegin tropfen, die, daran kann kein Zweifel bestehen, zu ihren Vorbildern gehören muss.

Diese Songs sind so voller Gefühl, dass man einfach nicht unberührt bleiben kann. Das melancholische „Occident” geht auf direktem Weg in die Blutbahn zu den weit offenen Herzkammern. Welche Worte soll man für „Soft As Chalk” finden, dass einen mit seinen Breaks überrascht und mit seinen euphorischen Piano-Spielereien beglückt. Joanna Newsom ist schlicht der melodische Wahnsinn.

Ich lege im Harfen-Hafen von „Esme” an, betrinke ich mit diesem Klang und segele dann weiter zu „Autumn” und auch wenn sich alle auf den Frühling freuen, er möge doch durchgehend die Klangknospen dieses Newsom-Herbstes tragen. So schön wie ein blühender Magnolienbaum.

„Does Not Suffice” ist dann die letzte innige Umarmung und man hat Tränen in den Augen weil es Abschied und neues Willkommen (Zitat: Sweet Farewell) bedeutet, weil man dankbar ist für diese zwei Stunden Glück im Hier und Jetzt ohne Wenn und Aber.

Joanna Newsom@Somerset House_Foto_cc_ryanfb

Joanna Newsom@Somerset House_Foto_cc_ryanfb

Wenn man aus diesem wundervollen Harfentraum mit großartigen Arrangements, in denen es flirrt und flattert und glitzert, wieder erwacht und sich vorsichtig wieder zu atmen traut, glaubt man zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder an die Existenz von Elfen, Kobolden und Feen. Dieses Wunderwerk  „Have One On Me” sollte man, darf man nicht hektisch in Einzelteilen konsumieren, sondern muss es geduldig als Ganzes genießen, denn erst dann entfaltet es seine völlige Magie und entführt einen für eine kleine Ewigkeit sanft aus dem Alltag und lässt einen jede Sorge vergessen. Das Album sollte es nach Ansicht des Ohrtrommlers auf Rezept geben – ich kann mir jedenfalls kein besseres Allheilmittel gegen seelische Verstimmungen aller Art vorstellen.

Sollte es den Garten Eden wirklich geben und man tatsächlich die Chance bekommen, dorthin zu gelangen, möge er um Himmels Willen bitte so klingen wie dieses Album – dieses akustische Paradies.

www.dragcity.com/artists/joanna-newsom



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