Musik - 02.03.10 -

Absurdes Musiktheater

The Irrepressibles – audiophile Schönheit

Album-Cover "Mirror Mirror"

Album-Cover "Mirror Mirror"

Dieses Ereignis haben wir kommen sehen und darum bereits zweimal voller Überzeugung und Inbrunst angekündigt. Nun ist dieses vorhergesagte Wunder wahr und käuflich. Es hört auf den Namen The Irrepressibles und den Titel „Mirror Mirror” und ist ein außergewöhnliches musikalisches Werk, das stilvoll zwischen Klassik, Avantgarde und Pop changiert und fasziniert. Schönheit und Hingabe ist das Prinzip ist dieses Albums und des gesamten künstlerischen Konzepts des Performance Orchesters. Schönheit, die sich in jedem Ton offenbart, in jeder Geste und Pose des Spiritus rector Jamie McDermott, dessen schöpferische Kraft zugleich Anmut ist, Übermut und Demut.


Von großer Selbstverliebtheit, aber nicht hermetisch und sich im Ego verlierend. Eine seltene Balance, die hier zum Drahtseil über Sentimentalität wird. Und es ist eine nicht zu unterschätzende Kunst, von einem so hohen, so fadendünnen Seil nicht abzustürzen.

Jamie McDermott ist gesegnet unter uns männlichen Geschlechtslosen. Unter anderem ist er mit einer Stimme beschenkt – in jeder nur denkbaren Interpretation dieser Feststellung. Und diese Stimme bewegt sich in elegischen Grenzbereichen zwischen Antony Hegarty, Freddie Mercury und Bryan Ferry. Manchmal klingt das Timbre nach Tim Curry und dann wieder nach Marc Almond und mehrmals fühle ich mich erinnert ich an den wundervollen Billy Mackenzie von The Associates.

Eleganz und Extravaganz pur sind demnach Markenzeichen dieser Musik, die das Paradoxon von äußerster Extrovertiertheit und tiefer Intimität zugleich verbindet. Genau diese Gegensätze und ihre Balance macht den unwiderstehlichen Reiz von The Irrepressibles aus, ihre enorme Anziehungskraft sowohl als musikalisches Kollektiv als auch als künstlerischer Act.

Backstage

The Irrepressibles © Flickr CC

„Mirror Mirror” ist nahe an Antony And The Johnsons und doch wieder nicht. Denn wo Hegarty vor allem vom Pathos lebt, lebt McDermott vor allem aus der Passion – kein unerheblicher, nein ein wesentlicher Unterschied. The Irrepressibles wirken einfach länger nach, werden manifest, wo das andere sich verflüchtigt. Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen. Ich schätze Hegarty-Songs wie „Hope There´s Somewhere, ” Another world” und insbesondere „Crackagen” sehr, aber mir scheinen The Irrepressibles mehr Substanz zu haben, mehr bleibende Kraft, die sich nicht erst in Erinnerung bringen muss. Mag sein, dass ich mich täusche oder täuschen lasse, ich finde diese Band relevanter.

Wie auch immer. Vor solch mutigen und irgendwie  aber auch befremdlichen künstlerischen Persönlichkeiten und Gestaltungsformen kann man nur demütig, ehrfürchtig und zutiefst respektvoll niederknien. Schon allein deshalb, weil The Irrepressibles ihren ganzen Mut aufbringen, sich schutzlos in all ihrer Verletzlichkeit der Öffentlichkeit zu zeigen und für jeden Argwohn angreifbar zu machen.

Dieses superbe Album gehört in die Delikatessen-Abteilung jeder anspruchsvollen, nicht konformistischen Plattensammlung und dort als Spezialität für audiophile Bildung gleich neben Werken wie „Dead Bees On A Cake” von David Sylvian, „The Drift” von Scott Walker oder „The Opiates – Revised” von Thomas Feiner, das ich nicht müde werde, als Meisterwerk des sensiblen Schönklangs anzupreisen.

„My Friend Jo” wedelt gleich mit der bunten Federboa über die prächtig arrangierten Streicher hinweg, eine Pop-Cabaret-Nummer erster Güte. Ebenso exaltiert wie pointiert.

Ein Geheimnis scheint „I´ll Maybe Let You” in sich zu tragen, so umschleicht es jedenfalls die Ohren, eine sehnsüchtige, etwas verloren wirkende Ballade, die eine merkwürdige Distanz hält, die anziehend wirkt.

Ganz wundervoll in seiner fast euphorischen Erhabenheit ist „In Your Eyes,” das mit spinettähnlichen Pianoklängen und Herz erwärmenden Streichern zur großen Verführung ansetzt. Spätestens hier ist man ins Netz dieser theatralischen Emotionalität verstrickt.

Hat man je ein Piano tanzen hören? „Forget The Past” dreht sich wie der Walzer aus einer fernen, barocken Unterwelt ins Gehör. Das hat in seiner edlen Haltung eine große innere Verwandtschaft zu Thomas Feiner. Lediglich die zunehmend opulentere Ausstattung, die Jamie McDermott wählt, zieht die Abgrenzung. Traumhaft schön!

Im „Knife Song” schmeißt der Sänger sich richtig an, ein schnurrender Kater, der zum Sprung in sein Orchester ansetzt, das immer neue Farben mischt aus seinem Instrumentarium. Lange war der Pop nicht mehr so klassisch. Überall Violinen und Bläser.

Mittendrin geht ein beinahe Folk-Song spazieren, der mit akustischer Gitarre lockt, sich dann aber gleich wieder mit Glitter und Tand schmückt. „My Witness” singt sich nach anfänglicher Zurückhaltung in schwärmerische Rage. Sehr dicht und packend.

„Nuclear skies” macht gleich mit den ersten Takten klar, dass Grandezza McDermotts zweiter Vorname ist. Ein Stück, das einen tiefer und tiefer hineinzieht in die bizarre, faszinierende Welt des Sängers und Performers. Hier holt er sich gar noch bezirzende Backgroundsirenen zur Verstärkung. Der Mann versteht sein Verführer-Handwerk, keine Frage.

Die Vaudeville-Groteske „Splish! Splash!Sploo!” stolziert mit ihrer eitlen Pose direkt in mein Herz. Die divenhafte Verspieltheit und Salon-Koketterie, die sich hier paart und zwischenzeitlich in hysterischer Ekstase aufwühlt, hat einen ganz besonderen Reiz. Das verlangt nach der berühmten Zigarette danach.

Backstage

Backstage © Flickr CC

Wie nicht anders zu erwarten, weiß der gute Jamie, dass der Höhepunkt an den Schluss gehört. „In This Shirt” kommt mit der Ehrfurcht gebietenden Kirchenorgel auf den Hörer zu, umstellt sie mit Engelsscharen von Streichern und Bläsern und dem ganzen Pathos des um Vergebung betenden Sünders. Kerzen flackern, Rosenkränze wandern durch Hände, die Augen erheben sich zum Himmel. Amen!

Ein Album, das es wert ist, am Stück gehört zu werden, weil es dann seine ganze Wirkung am besten entfalten kann, die sicher etwas Offenheit und Geduld erfordert, einen dafür aber mit einem exquisiten Hörgenuss belohnt.



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