Ein Meilenstein moderner Musik – Das geniale neue Album der Eels
Das neue Jahr ist gerade mal eine gute Woche alt und doch scheint es mir ganz sicher so, als habe ich gerade bereits die Platte des Jahres 2010 gehört. Gleich mehrfach hintereinander, weil die ganze tragische Schönheit hinter all der Traurigkeit des neuen Eels Albums End Times im ersten Moment nicht zu erfassen ist.
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Mit seinem achten Studio Album hat Eels-Mastermind Mark Oliver Everett aka E einen wahren Monolithen der Songschreiber-Zunft geschaffen. Wahrhaftig, anrührend, wunderschön ist diese Trauerarbeit einer beendeten Liebesbeziehung, bei der E sein Innerstes nach außen kehrt.
Der Liebling der Musikpresse, dessen bisherige sieben Nachweise seiner Ausnahmeklasse zu Recht über den grünen Klee gelobt wurden, hat noch mehr als bisher Lieder für die Ewigkeit geschaffen – Songs, die größer sind als jeder Liebesschmerz.
Nach dem gerade mal vor einem halben Jahr veröffentlichen eher rauen und rohen “Hombre Lobo” (das ebenfalls von weiten Teilen der Fachpresse sehr goutiert wurde), ist “End Times” pure, Herz ergreifende Melancholie, nur gelegentlich durchbrochen von kontrollierten Ausbrüchen, in denen Energie eher aus Zweifeln als aus Zorn erwächst. Zwei drei mal reißen solche schnörkellosen Rocker einen kurz mit schnurgeraden Beats aus der insgesamt äußerst intimen Atmosphäre.
Dieses neue Eels Album ist besonders introspektiv, noch mehr als man es von E´s besten Augenblicken her kennt und liebt – ein ergreifendes Werk voller Kraft der Ruhe, tief erspürt und offen reflektiert. Von geradezu magischer, hypnotischer Strahlkraft. Mehr als einmal treibt es einem regelrecht die Tränen in die Augen angesichts des durchgehenden und durchdringenden Gefühls von Verlust und Einsamkeit und des dagegen Ankämpfens.
Famos der Start ins Album mit der behutsam Balsam auf die frischen Wunden streichenden Ballade “In The Beginning.” Eine zarte Erinnerung an den Zauber, der allem Anfang innewohnt, wird da beschworen, an Nähe, Wärme und Unbefangenheit, an das Wunder der Liebe, wenn noch in jedes Dunkel Licht zu fallen scheint, wenn man sich gemeinsam unbesiegbar fühlt und jedes Wort, jeder Blick, jede Berührung von elementarer Bedeutung und Gewicht zu sein scheint.
“Gone Man” im Anschluss gebärdet sich als ein kleiner schmutziger Rock and Roll-Song, der über dieses erste Gefühl hinweg fegt als müsse es gleich ein mannhaftes Korrektiv für die zuvor offenbarte Sentimentalität geben.
Aber bereits “In My Younger Days” fällt E wieder der Betrachtung der Vergangenheit anheim. Genau das, was man im Schmerz macht – nach Spuren suchen im eigenen Ich, nach Parallelitäten im Erleben, das Durchleben und wieder und wieder Erleben von Leiden, vor allem das Auskosten von Selbstmitleid, weil es auch Trost bedeutet, wenn der Kummer einen überfällt und man sich ihm schutzlos ausliefern kann. Ein Song wie eine Kiste vergilbter Fotos ist das, in weiter Ferne so nah.
Etwas leichter, beinahe heiter unter diesen nahezu unerträglichen Umständen klingt “Mansions Of Los Feliz,” eine unbeschwerte, strandnahe Melodie wie ein kurzer gedanklicher Wochenend-Ausflug ans Meer. Ein kurzes Abschalten von der Macht und Last der Wirklichkeit -ein trügerisches Wellenrauschen in den Gezeiten der Gefühle, die wild anbranden und seicht verebben.
Mit der ersten Zeile von “A Line in The Dirt” ist dann aber gleich auch richtig Schluss mit Lustig oder Anflügen davon. “She locked herself in the bathroom again, so I am pissing in the yard” und …things aren´t funny anymore… sagen alles über E´s Gefühlslage. Einer der schönsten Songs im bisherigen Schaffen des begnadeten Melancholikers. Ein sanfter Trauermarsch von Bläsern überführtes Elend des Scheiterns in die Unvermeidbarkeit von Trauerarbeit.
Und es folgen noch mehr emotionale Kleinode von solch einsamer Klasse auf diesem Album. Der nachfolgende Titelsong etwa, der das niederschmetternde Verlassensein auf den Punkt bringt, dieses Gefühl der völligen Leere und des Abgestorbenseins kurz nach dem Abschied von der Illusion der Ewigkeit. “…I don´t feel nothing now, not even fear, now that end times are here…” E spricht sich und damit allen aus den Herzen, denen es schon einmal zerriss. Mann, geht das nah.
Das kurze Intermezzo “Apple Tree“ ist wie ein dahin gestammeltes Mantra, ein ferner Liebesschwur oder was? Egal, man muss nicht alles verstehen bei einem, dem die Liebe so zugesetzt hat. Da halluziniert oder deliriert man auch schon mal.
Was man aber gleich wieder versteht, ist, dass so jemand allen Grund zum Blues hat, in diesem Falle zum “Paradise Blues,” der sich mit E-Gitarre und Orgel durchs Erinnern dem Vergessen entgegen schiebt. Irgendwie Aufwachen im Garten Eden und zugleich Vertreibung aus dem Paradies. Das Lied als Adam und Eva, Apfel und Schlange, ad infinitum.
Ganz großes Gefühlskino beschwört “Nowadays” mit wehmütig klagender Bob Dylan-Harmonika im Intro und Outro sowie auf den Punkt gesetzter Streicher- und Bläserbegleitung. Eine bitter-melancholische Selbstbetrachtung, bei der sich das Ego in Beziehung zur Außenwelt setzt und enttäuscht feststellen muss, dass es da draußen eigentlich niemanden wirklich interessiert, wie es einem geht.
Eine treffende Beobachtung der zunehmenden Gefühlskälte und des Werteverfalls in dieser Welt. Traurig, aber wahr, vor allem aber zum Mitfühlen schön.
Wie gut, dass mit “Unhinged” gleich der dritte Uptempo-Song folgt, der E´s Stimme vor dem Absturz in Verzweiflung bewahrt mit seinen einfachen, schroffen Akustik- und Elektro-Riffs, die unter quietschender Orgel und Tambourin-Schellenklang wegtaumeln.
“High and Lonesome” ist dann nicht weniger als genial zu nennen. Ein Akustikteppich von exakt einer Minute und 8 Sekunden mit Glockenläuten in der Ferne, prasselndem Gewitterregen, dem Wählen einer Telefonnummer und dem unvermeidlichen Besetztzeichen, dem darauf folgenden das unerträglich eng werdende Haus verlassen.
Ein metaphorisches Mini-Hörspiel, das seinesgleichen sucht in Präzision und Authentizität bei der Vermittlung eines Gefühlszustandes. Ehrfurcht gebietend!
Höchst beeindruckend auch, dass E offensichtlich immer genau weiß, wann ein Weniger Mehr ist, wie er die Kunst des Weglassens einerseits beherrscht und andererseits genau an den richtigen Stellen Streicher und Bläser dazuholt, ohne dass es je ein Zuviel gäbe. Brillant!
Nach dieser akustisch pointierten Episode klopft der nächste Song dann gleich an die verschlossene Tür der immer noch Liebsten, der unerreichbar Gewordenen, um ihr die Wahrheit ins Gesicht zu singen, das verheult und mit sich ums Öffnen ringend ans Holz dieser Tür schmiegt. Der Weg durch den ernüchternden Regen war also umsonst. Was sonst, will hier jemand wirklich ein Happy End?
“I Need A Mother” ist als Folge des Nicht Eingelassen Werdens zu einer eventuellen zweiten Chance für die Liebe die konsequente, unverzichtbare Abrechnung zur vergeblichen Linderung der eigenen Qual, der Versuch einer Gegen-Verletzung, um damit die endgültige Zerstörung des verlorenen gegangenen Gefühls zu manifestieren und aus dem emotionalen Ghetto der Irrationalität zu befreien.
Gott, ist dieser E groß. Bis in die letzten Worte der Entschuldigung hinein, die am Ende des Songs um Vergebung für diesen Anfall von ungerechter Schuld-Bezichtigung bitten.
Das tieftraurige “Little Bird” reißt noch einmal die riesige, klaffende Herzwunde auf und streut alles heraus geweinte Tränensalz hinein, damit es auch so richtig brennt. Der unerträgliche Schmerz als Vergewisserung, dass man trotzdem noch am Leben ist. ”…God damn, I miss that girl…” Der Ohrtrommer ist am Ende seiner empathischen Widerstandskräfte, alle Dämme reißen, ich schluchze mit E hemmungslos um die Wette.
“On My Feet” schließlich ist eine 6 Minuten und 25 Sekunden währende, schiere Ungeheuerlichkeit. Unfassbar – obwohl der Boden unter den Füßen des Liebesversehrten weggezogen ist, stellt E sich genau auf diesen Boden der Realitäten und lässt sich in jedem Schritt taumeln einer ungewissen Zukunft entgegen.
Diese Atem beraubende lyrische Doppeldeutigkeit von auf den Grund zurückgeworfen und zugleich wieder auf den Beinen zu sein, um den nächsten Schritt ins Leben zu tun, ist von geradezu erschütternde Größe.
Wie Everett in wenigen Versen und Bildern die Vibrationen der Innerlichkeit beschreibt, zum Beispiel, wie ganz einfach durch das ans Fenster rücken aus dem Doppelbett des Paares ein Einzelbett wird, ist überwältigende Poesie.
Hier wird der Schmerz und der schonungslose Umgang damit fast unerträglich, unmenschlich. Dieser Song, der für mich die gleiche überirdische Schönheit besitzt wie “Slipped dissolved and Loosed” von Kurt Wagner (Lambchop), schickt mich in eine kalte Winternacht hinaus, die mich einen bekannten, durch Marcel Reich-Ranicki zu Ehren gekommenen Vers von Bertolt Brecht zu zitieren nötigt “…So sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen…”
Ja in “End Times” geht es um die Bühne des Lebens, um die großen, stets offenen Sinnfragen, ach was um die eine, einzige Frage, was das Leben ohne Liebe wert ist. Nichts! Oder doch alles, wenn es sich auf solche Weise Ausdruck und Gehör in der Kunst verschafft?
Lied gewordener Existenzialismus ist dieses Wunder von einer Platte, schonungslose Klarheit und Wahrheit (Sorry Adam Green – von diesem übergroßen Wurf ist Dein Trennungsschmerz-Szenario “Minor Love” Millionen Meilen weit entfernt!).
Nie zuvor hat einer auf diese Weise über eine faszinierende, facettenreiche Albumlänge hinweg das Ende einer Liebe und ihrer Auswirkungen auf Geist und Seele vertont wie dieser Mark Oliver Everett, der sich hiermit aus meiner Sicht zum John Lennon des 21. Jahrhunderts erhoben hat.
“End Times” muss ab sofort als Messlatte für starke Emotionen ausdrückendes Songwriting gelten. Denn dieses Werk ist schlicht essentiell und sensationell!


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