Magische Blätter poetisch entweißt – Friederike Mayröcker wird 85
Friederike Mayröcker ist eine jener herausragenden Dichterinnen, vor deren Schöpfungskraft und Sprachmächtigkeit, vor deren Produktivität und Vielseitigkeit, vor deren lyrischen Reichtum und prosaischen Tiefgang man sich nur tief verneigen kann. Gerade heute an ihrem 85. Geburtstag.
Falls sie diesen Tag feiert (was zu bezweifeln ist), dann sicher in Gedanken in einer Runde mit ihrem Ernst Jandl, dessen Lebensgefährtin sie über Jahrzehnte war und dem jungen wilden Spracharstisten Thomas Kling, dessen Förderin sie war bis zu seinem frühen Tod. Vielleicht sitzt auch der große HC Artmann im Geiste mit am Tisch, der andere große Wiener Poet.
Eine menschenscheue Zauberin ist die Wienerin, die in einem Zimmer voller Zettel lebt und arbeitet, ihre magischen Blätter verfasst, aus deren ursprünglichem Weiß (med ana schwoazzn dintn – ein Artmann-Titel ) Worte und Sätze aufsteigen wie schillernde Schmetterlinge, die zerstäuben sobald man sie berührt. So zart und empfindlich sind die textlichen Gebilde der geheimnisvollen Mayröcker, die eine ähnliche Aura wie Juliette Greco umgibt.
Das nachfolgende Gedicht von Tom ist der großen Autorin gewidmet, die ebenso wie der gestern auf zoolamar zum 80. Geburtstag gewürdigte Schweizer Paul Nizon eine sehr verdiente Anwärterin auf den Literaturnobelpreis wäre.
Zettel´s Raum (für Friederike Mayröcker)
Der Schreibraum,
hermetische Höhle,
poetisch archivierter
Lebensraum zugleich,
Essensraum,
Schlafraum auch,
der Traumraum Tag,
wo das zu Sehende
wo das zu Hörende
verdichtet wird
im typografischen Takt
der Mayröcker-Maschine.
Stille Wortbesucher
schleichen ins Zimmer,
treten bereichert zurück
in die Welt der Abschiede,
sprach-Los.
Gedanken, die
umhergeistern
umherjandeln,
umnachtet von
entfernter ewiger Nähe,
der unbeschreiblichen,
die postscriptum ist
bereits.
Verknüpfungen,
Verzettelungen sogar
von Geist und Seele,
in Regale gestapelt,
auf Tisch und Bett
geschichtet,
bodenturmhoch.
Mit sicherem Griff
aus all den Notaten
das Destillat:
Das Herzzerreißende
der Dinge.
Wie zerrissenes Papier,
das im Hinabfallen
zum Papierkorb
kurz aufrauscht als
magisches Blättern
verstümmelter Lettern.
Wer mehr über diese Dichterin, ihr Werk und Leben erfahren möchte, sollte die Laudatio des ORF lesen: http://wien.orf.at/stories/409806/


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