Bücher - 19.12.09 -

Der Poet von Paris – Paul Nizon zum 80. Geburtstag

Am heutigen 19. Dezember wird ein großer Autor, ein wundervoller, anbetungswürdiger Dichter 80 Jahre alt, den ich seit früher Jugend bewundere und dessen Werk mir ans Herz und ins Hirn gewachsen ist wie kein zweites.

Paul Nizon heißt der leider viel zu wenig bekannte Mann, den hier zu würdigen mir eine Ehre und ein echtes Bedürfnis zugleich ist. Der Schweizer Schriftsteller und Kunsthistoriker ist meines Erachtens unter den deutschsprachigen Prosaikern der einzig wahre Poet.

Der 1929 in Bern geborene Nizon ist einer der ganz raren leidenschaftlichen Erzähler, dessen Werk zu lesen wirklich lohnt, weil es jeden aufmerksamen, sensiblen Leser mit einem Höchstmaß an Feingefühl, mit wachem Blick für das kleine Bedeutende bereichert. Niemand versteht es wie Nizon, scheinbare Banalität mit der zu würdigenden Bedeutung zu versehen und zu erheben.

Ich kenne keinen Autor, der eine sinnlichere Sprache hätte, keinen, der je besser die feinen Nuancen der Menschen genauer beobachtet, erspürt und beschrieben hätte. Für jeden Blick, jede Bewegung, jede innere Regung einer Person findet Nizon eine Entsprechung in der Sprache, die voll eigentümlicher Schönheit ist.

Das durch Nizons Wahlheimat Paris (dort lebt er seit 1977) streifende “Das Jahr der Liebe” ist der vielleicht schönste Roman, der je über diese Stadt und in dieser Stadt geschrieben wurde. Aus der Perspektive eines vergeblich auf seine Liebe Wartenden wird die Metropole eben dieses zentralen, die Welt erfüllenden Gefühls zu einer seismographischen Aufspürung des Selbst und seiner Befindlichkeiten.

Seelisch tief wie Rainer Maria Rilke, der mit “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge” das bis dato innigste Buch eines Paris und seine einzigartigen Schwingungen Annehmenden ist, durchwandert Nizon hier die Quartiers, in denen seit Gustave Flaubert die Erziehung des Herzens stattfindet. Weltliteratur ist “Das Jahr der Liebe.” Punkt.

“Im Bauch des Wals” liest man Capriccios des Autors, die wie Fenster zur Seele des Menschen sind, wundervoll poetisch, unvergleichlich feinsinnig und sinnlich, ein Fest für jeden Literaturbegeisterten.

Und zudem ist dieser Paul Nizon  ein begnadeter Essayist und Tagebuchschreiber. Letztere tauft der Sprachästhet allerdings lieber und treffender Journale, ganz das Franzosentum sich aneignend.

“Aber wo ist das Leben?” fragt der vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnete Mann und findet aus lauter Liebe am Leben keine Antwort darauf, sondern vertraut sich und seine Sprache dem Augenblick und dem Staunen an. Und man staunt und fühlt mit. Und erkennt, dass das bereits die Antwort ist.

Er kann auf einer Seite “Über eine Zigarettenlänge” philosophieren oder ganz vortrefflich über das Seelenleben von Vincent van Gogh sinnieren, dass der einsame, seinerzeit verkannte, geniale Maler einem zum liebsten Freund wird.

Und dann schafft Nizon etwas, was nur den allerwenigsten gelingt. Mit einer extrem intimen Sichtweise eine Form von Selbstkritik herzustellen, die ihresgleichen sucht. Wenn dieser große Flaneur und Voyeur sich in die arabische Parallelwelt der französischen Hauptstadt begibt, “Den dunklen Erdteil Paris” erkundet, wird seine Reflexion “Über den Rassismus in dir selber” zu einem der wahrhaftigsten Stücke Literatur, das man sich nur vorstellen kann. Das sollte in jeder Abiturklasse Pflichtlektüre sein.

Ich als großer Bewunderer dieses herausragenden Dichters würde mir inständig wünschen, dass der Künstler des wohl gewählten Wortes, dass der Grandseigneur der filigranen Sprache den Nobelpreis erhält. Denn es gibt nur wenige Worte, die so schwer wiegen wie seine.

Suhrkamp Quarto versammelt anlässlich des 80. Geburtstags von Paul Nizon das erzählerische Gesamtwerk auf 1400 Seiten zum Preis von um die 30 Euro. Günstiger kann man an ein Ehrfurcht gebietendes und in meinem Falle mit höchster Dankbarkeit gefeiertes literarisches Oeuvre nicht kommen. Unbedingt lesen!



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