Das Messer im Eisblock: Fever Ray
Am Ende des Jahres, wenn man gute Vorsätze zu loben bereit ist, darf man dann auch ein eigentlich unverzeihliches Versäumnis zugeben und ungestraft nachholen, was unbedingt nachzuarbeiten ist. Ein Musik-Highlight von 2009 noch kurz vor Fest und 2010 ins Rennen um die X-MAS-Gaben zu schicken.
Es gilt auf Fever Ray und ihr gleichnamiges Album als eines der am meisten betörenden und verstörenden des Jahres zu verweisen, das sich durchs Gehör an die Nackenhärchen heranschleicht, von dort ganz langsam Rückenwirbel für Rückenwirbel hinabkrabbelt, durchs Becken vibriert, in den Zehenspitzen kitzelt bis es schließlich im Herzschrittmacher britzelt, worauf es umgehend Stalagmiten an die Innenhaut friert.
Ein kühles kühnes Klangmesser, dessen Klinge sich tief unter die Haut schiebt einem Fell und Skalp wendet und dann genüsslich ausweidet. Dieses Bild musste einfach verwendet werden, handelt es sich bei Fever Ray doch um Karin Dreijer Anderson, den weiblichen Teil der schwedischen Elektro-Pop-Band The Knife.
Zusammen mit Bruder Olof war die Stockholmerin bei der Grammy Award Verleihung 2007 der Abräumer mit dem Knife-Album “Silent Shout,” dem gleich sechs der Preise zuteil wurden.
Das fiebrig-pulsierende, zwischen Soft-Techno und Pop sich aufbäumende Werk erhielt Grammys in den Kategorien Artist of the Year, Group of the Year, Composer of the year, Album, Producer und DVD. Nicht schlecht, Ihr jungen Schweden.
Auf ihrem Solo-Projekt Fever Ray geht Karin noch weiter als mit dem Bruderherz und schafft eine faszinierend morbide Stimmung, von der ein hypnotischer Sog ausgeht, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Als wenn Björk und Portishead sich im tiefen dunklen Winterwald verabredet hätten, um voller Ehrfurcht den Namen Kraftwerk in die Rinden der Bäume zu schnitzen. Mit einem scharfen Elektro-Klang-Messer versteht sich, dass man aus einem Eisblock ziehen muss wie dereinst König Artur das Schwert Excalibur aus dem verwunschenen Steinblock.
Nur zwei Beispiele für diese einzigartige Klangwelt, die man schon mit eigenen Ohren entdecken sollte. In “Dry and Dusty” zwitschern ein paar elektronische Vögel, als müssten ihre Stimmen geölt werden und singen gegen die Kälte der anderen Stimmen an, die wie von den Loops und Beats geknebelt und in ein Verlies verbannt scheinen.
Als Gegenstück dazu umkreisen “Triangle Walks” die Nervenenden mit exotischen Tribal Elementen, dass man sich aus der klingenden Eiszeit direkt an Palmenstrände versetzt fühlt, menschenleere allerdings.
Und die nicht minder bizarren Videos mit Verwandlungen und Maskierungen, die die Scharaden von The Knife auf die Spitze treiben, stützen den Verdacht, es hier mit einer verlorenen Seele zu tun zu haben, deren “If I had a heart” eigentlich bereits alles sagt.
Mag sein, dass Fever Ray kein Herz hat, aber es strömt jede Menge heißkaltes Blut durch diese Klangadern.
Aufregend!
http://feverray.com


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