Hut ab! Glückwunsch! Laudatio! Tom Waits wird 60
Tom Waits ist einer der besten, wenn nicht der herausragende Entertainer der Welt. Tom Waits ist einer der größten Künstler unserer Zeit. Tom Waits ist einer der letzten wirklichen Avantgardisten im Zirkus des Pop, ein Zeremonienmeister des Bizarren, Absurden, Schrägen.
Tom Waits ist ein Phänomen. Schon weil er heute sein 60. Lebensjahr erreicht hat, dem er in seinen frühen, wilden Jahren angeblich soviel Alkohol und Zigaretten zugeführt hat, das am Erreichen dieser Altersgrenze durchaus gezweifelt werden durfte.
Aber wie hätte Waits ohne diese Laster sonst diese unglaubliche Stimme formen können, die wie keine zweite nach Großstadtgosse klingt, der es wie keiner anderen gelingt, den Außenseitern und Gescheiterten eine Stimme zu geben, die Tragik, Komik und Romantik auf unvergleichliche Weise vereint.
Vielleicht ist Tom Waits gerade auch dank dieser durchs intensive Leben zerschlissenen, kaputten Stimme sogar zur leiblichen Inkarnation des beliebtesten Klischees über Amerika geworden, dass es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angeblich jeder schaffen kann.
Tom Waits hat es geschafft. Als Vorzeige-Outlaw, zu dem er sich selbst ein wenig und die Medien ihn ganz oft und gerne stilisiert haben. Weil er einer dieser seltenen originären Typen ist, ein schräger Vogel, ein Kauz, so ein unfassbares Unikum.
Auf fast mystische Weise ist dieser Musiker und Schauspieler umgeben von einer Aura des Sündigen, Verdorbenen, Abgründigen, in die sich ängstliche, sicherheitsbewusste, bürgerliche Seelen in ihren geheimen Sehnsüchten nach einem Alter Ego nur zu gerne hineinträumen. Der Bukowski des Songwritings.
Ja Ja das Klischee – Tom Waits evoziert es wie kaum ein anderer, weil er es auch so gekonnt und authentisch zelebriert und in seine Kunst als Lebenselixier und Essenz integriert.
Waits verkörpert eben auf perfekte Weise den amerikanischen Traum und den Albtraum zugleich. Ein Winner in der Gestalt des Loosers, ein Underdog, der zwar von seiner Gestalt und Art Underground ist, aber nicht von seinem künstlerischen Ausdruck, dessen magische magnetische Fesselungskraft massentauglich ist.
So wird er auch als Schauspieler gelegentlich stilsicher platziert und inszeniert wie etwa in den Filmen von Regisseuren wie Jim Jarmusch und Terry Gilliam, denen für ihre besondere Art des Geschichten Erzählens einer wie Waits mitunter als Idealbesetzung einfällt wie aktuell im phantastischen Gilliam-Märchen “Das Kabinett des Dr. Parnassus“, in dem Waits als Teufel eine tolle Vorstellung gibt.
Dreh- und Angelpunkt bei Waits ist aber die Faszination der eigenen Geschichten, die er erzählt, die sich sonst keiner zu erzählen traut auf diese Weise. Es ist das Panoptikum der Außenseiter und Randfiguren, der Huren und Hobos, der Zocker und Barflys, der Stripperinnen und Stadtstreicher, die in Waits Liedern eine Unterkunft finden, eine Heimat, die diese Gestalten durchstreifen.
Tom Waits offenes und Genregrenzen überschreitendes Verständnis von Musik spiegelt all diese Charaktere und bildet milieugenau die sozialen Besonderheiten, die Tiefen und Untiefen ab und findet immer wieder neue, eigenartige Klänge, die diesen Parallelwelten gerecht werden. Da kann auch schon mal das Piano betrunken sein oder der Mond vom Himmel geschossen werden.
Die Feuilletons feiern oft seinen Hang zum Skurrilen, Originellen in der Musik, sicher zu Recht. Seine ganz große Kunst, sein Metier als Songwriter aber ist vor allem anderen die melancholische Ballade, die bei ihm – meist karg instrumentiert und aufs Wesentliche reduziert – auf die Magie der Melodie und die Strahlkraft seiner Stimme setzt.
Dutzendweise findet man bei Tom Waits Lieder, die so voller Traurigkeit
und Verlorenheit sind, dass sie einem unweigerlich Tränen in die Augen treiben. Von frühen Meisterstücken wie dem gesungenen Telefongespräch “Martha” oder “Grapefruit Moon” bis zu aktuellen Gänsehaut-Größen wie “Take it with me” oder “You can never hold back spring”.
Das in der Kombination mit seinen eigenwilligeren bis experimentellen Songs, in denen es scheppert, knarrt und klappert, mal morbiden Spuk, mal subtilen Spaß verbreitend, ergibt ein Spektrum an Stimmungen, das seinesgleichen sucht in der Musik, macht es aus, dass Tom Waits jederzeit alles andere als gewöhnlich ist.
Einer der ganz wenigen wirklich progressiven Künstler, der nie auf der Stelle tritt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes immer weiter geht als andere, ein mutiger Grenzgänger- und überschreiter, Querdenker- und sänger, dem markante Bilder und traumhafte Melodien gelingen, in denen Scheitern immer auch als Chance durchklingt.
“Trampled Rose” oder der von mir so geliebte “Grapefruit moon” sind solche unauslöschlichen Bilder, den poetischen Mikrokosmos von Tom Waits auszeichnen und weit über das Mittelmaß heben, die sein Werk als ist im besten Sinne menschlich, weil ganz nahe dran an menschlichen Lebenswirklichkeiten verorten. Einsame Klasse.
Herzlichen Glückwunsch von Tom von Tom!
www.tomwaits.com


Feines Folkalbum
Video des Tages
Neues Album der Punk-Pop-Pioniere
















