Musik - 23.11.09 -

Poptimismus trifft Melancholieder – frYars mit fabelhaftem Debüt

Ach herrlich, diese musikalischen Newcomer dieses Jahr, die halten mich jung, wirken sie doch wie eine Frischzellenkur auf mein empfindsames Gehör.

Gerade erst habe ich mich für The XX begeistert, diese 19jährigen britischen New Waver aus London, die mit ihrer Coolness mein Herz mit der Ruhe vor dem Sturm erobert haben, da schicken sich die frYars und die Berliner Elyjah (dazu in Kürze mehr) an, mich zu umgarnen.

Mit Ben Garrett ist es erneut ein junger Brite, der unter Band-Decknamen frischen, freien und sehr hörenswerten Elektropop serviert. Das frYars-Debütalbum “Dark Young Hearts” klingt dabei gar nicht so düster wie der Titel vorgibt. Obwohl eine Grundmelancholie vorhanden ist, die sich etwas an die Vorbilder von Depeche Mode anlehnt, deren Sänger Dave Gahan beim Song “Visitors” (wie treffend!) dann auch gleich als Gast auf dem Opus singt.

Schon beim Opener “Jerusalem” wird deutlich, dass Garrett auch bei anderen Pop-Perlen von Duran Duran und Prefab Sprout bis Black und Pet Shop Boys gut zugehört hat und verschiedene Einflüsse zu einem eigenständigen, vielschichtigen Stil entwickelt.

Gekonnt verbindet der Londoner Jungspund das Spielerische und Leichte mit dem Ansatz zur großen Geste. Gelegentlich klingt das wie eine durch den Synthesizer geschickte Version von The Divine Comedy, dann wieder meint man, an Tears for Fears erinnert zu werden. Alles keine üblen Referenzgrößen.

“Visitors” hat – nicht nur dank der prominenten Gesangsunterstützung von Gahan – mit seiner eingängigen Soft Cell trifft Bronski Beat Melodie veritable Hitqualitäten zu bieten. Das nachfolgende “Of March” toppt diesen Song aber noch. Und es löst bei mir eine Assoziation an The Associates aus, eine leider fast vergessene großartige Band aus den Achtzigern.

Die Post Punk-Combo um den Gitarristen Alan Rankine und den extravaganten Sänger Billy Mackenzie, der sich 1997 im Alter von 39 Jahren das Leben nahm, lieferte seinerzeit ein paar exzellente melancholisch-euphorische Elektro-Wave-Alben ab.

Mackenzies Schwanengesang werden einige von Euch wahrscheinlich sogar kennen. Mit seiner einzigartigen hohen Stimme prägte er die wehmütig-verlorene Aura der Hymne “Pain In Any Language” vom Apollo Four Forty Debüt “Electro Glide in Blue.”

Die Associates sollte man sich im Zuge der vielen Eighties-Anlehnungen dieser Tage unbedingt mal anhören. Deren Songs könnten auch heute noch locker die Charts erobern und Fans gewinnen.

Doch zurück zu den frYars, die ebenfalls das Zeug zu solchen Erfolgen haben. Zwischen all der Elektro-Affinität kommt “A Last Resort” in seinem vorrangig akustischen Outfit doch als eher überraschendes Intermezzo daher, fügt sich aber bestens in die Songsammlung ein.

Schon folgt der nächste Hinhörer, diesmal mit Factory-Charme versehen. “The Novelist´s wife” könnte direkt einer John Cale Stammzelle zu Paris 1919 Zeiten entnommen sein. Sehr schön, wie sich hier die Bläser und Streicher zu Piano, Klingklang und Gesang gesellen und den Song zu einer schillernden Seifenblase formen.

Noch mal kräftig auf Zielrichtung Top Ten zielen und schielen “Olive eyes” – dank der eingängigen Melodie steht der Song unter potenziellem Hitverdacht.

Es folgt der Höhepunkt des erstklassigen Albums, das Fünf-Minuten-Epos “Happy”, ein Elektropop-Song, der dem Besten des Genres alle Ehre macht mit seinen Ecken und Kanten, Haken und Ösen, Beats und Breaks, also mit allem Drin und Drum und Dran, das wahrhaftig happy macht.

Danach lernt man noch “Benedict Arnold” kennen und freundet sich auch mit diesem frYars-Freund schnell an, ist der doch mit ansteckendem, von weiblichen Chören beflügelten Poptimismus gesegnet.

Das abschließende “Morning” zwinkert einem mit Träne im Auge zu, weil es Abschied nehmen heißt von Ben Garrett und seinen Harmonien. Aber ich bin sicher, es gibt schon bald ein frohes Wiederhören mit frYars.

Fabelhaft!

Zusätzlicher Tipp noch für alle Clip-Freunde. Auf der frYars Homepage findet Ihr ein selbst animiertes Video von Chris Hutchings, der Ben Garrett als Drummer unterstützt. Sehr schöner Song und eine ebenso schöne Illustrations-Idee.

www.fryarcorp.com



Kommentar schreiben