Joe Masi und sein Credo “Musiziere lieber ungewöhnlich”
Mit einem 30-Sekunden Elektro-Walzer bin ich glaube ich noch nie von einem Album begrüßt worden. Mit seinem “Intro” lässt der Berliner Joe Masi mich also gleich erstaunt aufhorchen und ergaunert sich so meine ungeteilte Aufmerksamkeit.
“Yeah?” wird er da wohl ausrufen, schon mal einen am Haken für sein gleichnamiges Album, das am 27. November erscheint. Das zu beschreiben fällt nicht leicht, ist es doch spürbar das Werk eines Mannes, der künstlerisch übergreifend arbeitet und sein Metier der Theatermusik mit Pop auffrischt. Vice versa.
Also Pop trifft auf Wave, Elektronik auf Avantgarde und das Ganze geschüttelt und nicht gerührt. Eine ebenso erstaunliche wie erfrischende Melange aus vertrauten und doch nicht konventionellen Klängen mit einem gerüttelt Maß an Experiment und mitunter richtig geilen Grooves.
Gesang ist eher die Ausnahme als die Regel, mehr als Atmo-Element eingesetzt, im “Männle” dann aber sogar durchgehend als eine Art “Rumpelstilzchen-Rap” mit Phillip Boa-Brüchen oder beim “Feuer” in DAF-Monotonie.
Diese Electropunker aus Düsseldorf (wer von den Älteren unter uns erinnert sich nicht an den Tanzstampfer “Der Mussolini” oder den frühen Aufruf “Verschwende Deine Jugend”) tauchen dann auch in Masis langer Liste seiner Einflüsse auf.
Darunter weitere illustre Namen wie Tom Waits, Helge Schneider, Pere Ubu oder Dr. John, die den Claim sehr weit abstecken, innerhalb dessen der Berliner seine musikalischen Grenzgängereien unternimmt, die beim ersten Hören etwas auseinander zu fallen scheinen, aber durch den roten Faden des Anarchischen eng zusammen gehalten werden.
Dass Joe Masi seine undefinierbare und unkategorisierbare Art von Musik selbst als Koreanischen Pop etikettiert, spricht für sich. Musik, die sich in keine Schublade verorten lässt, den Schalk im Nacken hat und Freude macht in ihrer Unverfrorenheit.
Musik, zu der sogar Grönemeyer tanzen kann, wenn sich Trio mit “Da Da Da” auf den Lippen zur After Art Work Party mit Kraftwerk (bei Karl Bartos hat Masi übrigens studiert) und Can trifft.
Darauf einen Jägermeister oder Bommerlunder oder Killepitsch, auf jeden Fall was kurzes Hartes, das einem die Magenwände umdreht!
Es puckert und pluckert und klappert an allen Ecken und Enden der Synthies und Beat Boxes. Zwischendurch schlagen aber auch mal Gitarren einen rüderen Ton an wie im schrägen, treibenden “Velvet Drive”, das klingt, als hätte es einen Joint David Lynch inhaliert “Leibgericht” ist dann schon Theaterpunk, ironischer Sprechgesang über wüste Beats hinweg parlierend, ein kleines Avantgarde-Pop-Bühnenstück.
Zum Finale der rund 36 Minuten lässt Joe Masi dann gänzlich die Barrieren der Zurückhaltung fallen und outet sich vollends als Musik-Dramaturg. Mit einer knapp 2-minütigen Lärm- und Geräuschlawine samt Störsender zerlegt Masi die “Neue Deutsche Welle” und lässt ihre Kabelenden leise dahinschmoren. Das hat dann schon Fluxus-Performance-Charakter.
Yoko Ono als Referenz fällt mir bei dieser Gelegenheit gleich ein, weil die 76jährige Lennon-Muse aktuell voll jugendlichem Elan und wahrer Stilwechselfreude mit dem großartigen Album “Between my head and the sky” ihre eigene Musik-Kunst demonstriert, geradezu zelebriert. Kann ich Masi als Inspirationsquelle für die Zukunft nur empfehlen.
Zum Schluss verlängert “Interlude” insgeheim die “Metal Machine Music” von Lou Reed und damit sei des kulturellen Namedroppings aber auch (fast) genug.
Beinahe liegt mir jetzt auf den Lippen, Masi in Maso umzutaufen, aber dann wird er vielleicht nur noch von S/M-Communities zu Gigs in Dark Rooms eingeladen. Also es bleibt dabei, Joe Masi heißt der Mann.
Klingt irgendwie ganz schön nach “Gemüse Durcheinander” wie Hanns Dieter Hüsch es wohl genannt hätte. “Yeah?” hat ja auch was von Soundtrack für experimentelles Kabarett. Auf jeden Fall etwas für geneigte und hellhörige Zuhörer mit Sin für Chuzpe.
So gar nichts für Mainstream-Hör-Gewohnheiten. Obwohl! – das könnte mal die ganzen verklebten Gehörgänge etwas reinigen.
Ich bin irritiert, aber sehr sehr angenehm.
www.myspace.com/joemasi




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