XXtraordinary: Londoner Jungband erobert Gehör und Herz
Dass ich das mal wieder erleben darf. Irgendwo Gedanken verloren im Hier und Jetzt sitzen und urplötzlich überrascht werden von ein paar Klängen, die das Gehör vom ersten Moment an in gespannte Vibration versetzen, das Herz von einer Sekunde auf die andere fesseln und eine eigenartige Aura verbreiten, die sich spontan wie zweite Haut anfühlt – alter ego.
In den 80ern war das so bei “Seventeen seconds” von The Cure, “Empires and dance” von Simple Minds, “Closer” von Joy Division, “Virus Meadow” von And Also The Trees und beim leider einzigen Album der Young Marble Giants “Collossal Youth”. Allen gemeinsam: Eine faszinierend kühle, düstere Atmosphäre, die sich aus der Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche speiste.
Und damit sind wir bei The XX, einer Londoner Band von vier Neunzehnjährigen, die an all das erinnern und anknüpfen und mit minimalistischen Mitteln maximale Freude auslösen. Die zwei Girls und zwei Boys haben ihr unbetiteltes Album größtenteils nachts aufgenommen und so klingt es auch. Wie der erste Akkord nach dem Absacker, wie die Taxifahrt durch die menschenleere City, wie sich trunken durch den Londoner Nebel nach Hause tasten.
Spärliche, aber markante Gitarrenriffs, einige kühle Beats und Bassphrasen, ein paar Elektronik-Spritzer und der nüchtern distanzierte Gesang, mit dem Romy Madley Croft und Oliver Sim kommunizieren, mehr brauchen The XX nicht, um eine packende, aber völlig unaufgeregte Stimmung zu erzeugen, die Gänsehaut erzeugt.
Ganz im Gegensatz zu den Horden von jungen britischen Wilden, die mit ihren Gitarren die Betonwände der Vorstädte einreißen wollen, zeigt dieses Quartett in aller Seelenruhe seine Befindlichkeiten und Verletzlichkeiten und stellt sich ohne Pose schutzlos hin, allem Anschein nach mehr, um sich selbst zuzuhören als gehört zu werden. Das ist schon fast revolutionär in seiner unaufdringlichen Art. Eine höchst reife Teenager-Leistung.
Die 11 Songs taumeln einen regelrecht an, wie Fremde oder Obdachlose, die sich im Dickicht der City verirrt haben und verloren wirkend an den Hauswänden vorbei drücken.
Eine Platte, wie es sie in dieser Form aus UK schon lange nicht mehr gab, seltsam berührend in ihrer unrebellischen, fast schüchternen Weise, eine sehr merkwürdige, nein bemerkenswerte Art von Einsamkeit und Isolation ausstrahlend, als würden Resignation und Hoffnung sich in ein und demselben Ton ausdrücken wollen. New New Wave.
The XX orientieren sich zwar an den Achtzigern und zitieren sie, sind mit ihrem innovativen Sound aber im Hier und Jetzt, wo sie mich aufgeschreckt haben mitten in der Nacht, das leere Glas noch in der Hand, die letzte Kippe zwischen den Lippen, den leeren Blick auf die leeren Straßen gerichtet, auf dieses Labyrinth Stadt, in dem es irgendwo hinter all dem gleißend kalten Neonlicht ein warmes Zuhause geben muss, aber wo?
Ein Album für Nachtfalken. Ein Sound für Melancholeriker. Eine der Entdeckungen des Jahres.
www.myspace.com/thexx

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