Film - 04.11.09 -

Dust of Time 1

Theo Angelopoulos und die Macht der Bilder

Gerade im Kino angelaufen (sicher nur in ausgewählten Programmkinos) ist der neue Film des griechischen Autorenfilmers Theo Angelopoulos “Dust of Time.” Es handelt sich um den zweiten Teil seiner Trilogie des Exils, die er mit dem visuell faszinierenden “The Weeping Meadow” begonnen hatte – einem Epos, für das der Regisseur seinerzeit melancholische Menschenlandschaften erschuf.

Thema des neuen, bei der diesjährigen Berlinale außer Konkurrenz gestarteten Werks, das mit Bruno Ganz, Michel Piccoli, Willem Defoe, Irene Jacob und Christiane Paul vortrefflich besetzt ist, ist abermals wie so oft bei Angelopoulos die Suche nach Heimat, Herkunft, Identität.

Die Story:

Ein amerikanischer Filmregisseur (Defoe) griechischer Abstammung kehrt in die römischen Filmstudios zurück, um den Dreh an einem abgebrochenen Film fortzusetzen.
Darin beschrieben wird die Liebe seiner Mutter zu zwei Männern (Ganz und Piccoli). Die Liebenden verlieren sich und finden sich wieder, suchen einander auf einer Reise durch Raum und Zeit entlang bedeutender Ereignisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Sibirien, Nordkasachstan, Italien, Amerika Deutschland.

Der Historien-Bogen erstreckt sich von Stalins Tod über Watergate-Skandal und Vietnamkrieg bis zum Fall der Berliner Mauer und dem noch nicht eingelösten Traum von einer besseren Welt im 21. Jahrhundert, der ein menschenleeres Berlin als abschließende Metapher wählt.

Angelopoulos beweist sich hier erneut als Meister fesselnder Inszenierungen, in denen die Geschichten von Menschen zugleich Geschichte erzählen und aufarbeiten. Seine wortkargen, bildgewaltigen Odysseen sind Zeitreisen in die Vergangenheit, menschliche Spurensuche, Ringen um Gedächtnis als Vermächtnis – Aufarbeitung und Bewältigung von Historie mit den Mitteln der Griechischen Tragödie.

Der 74jährige schildert individuelle Schicksale stets mit gesellschaftlicher Relevanz und zeigt, dass das Leben durch und durch Politik ist. Am wundervollsten ist ihm das in “Die Ewigkeit und ein Tag” gelungen, einem berührenden Drama, in dem der Jahrhundert-Schauspieler Bruno Ganz (in seiner vielleicht herausragenden Rolle) als Sterbender die Inventur seines Lebens und seiner großen Liebe betreibt. Wobei Angelopoulos seinen Protagonisten die ganze bittere und blutige Geschichtswahrheit des Balkan durchlaufen lässt.

Einer der Höhepunkte eines reichen, ebenso schwergewichtigen wie schwermütigen filmischen Schaffens, mit dem sich nur weniges messen lässt. Am ehesten noch die lyrischen Leinwandepen des Russen Andrej Tarkowskij, der mit filmischen Gemälden wie “Nostalgia” und “Opfer” vergleichbar existenzialistische Storylines und mächtige poetische Bildwelten entwickelte, in denen ebenfalls Vergänglichkeit und Erinnern in engem Zusammenhang stehen.

Tarkowskijs Arbeit wurde mitunter als Bildhauerei aus Zeit beschrieben. Dann darf man Angelopoulos Werk sicher als filigrane Kohlezeichnungen des menschlichen Kampfes mit der Vergänglichkeit und seinem Ringen mit der Vergeblichkeit bezeichnen.

Wer eher auf leichtere Kinokost steht, sollte sich der Wucht von Angelopoulos Filmen und Bildern besser nicht aussetzen. Wer aber fernab allen Mainstreams Kino voller seelischer Tiefe, künstlerischer Weite und intellektueller Auseinandersetzungsqualität liebt, für den führt kein Weg an “Dust of Time” mit seinem fabelhaften Ensemble vorbei.

Das gilt auch für die Filmmusik von Landsfrau Eleni Karaindrou, die seit 25 Jahren die Bilder von Angelopoulos mit einer einzigartigen Mischung aus klassischer Musik und Folklore kongenial begleitet und weit über das Gewöhnliche erhebt. Zu dieser exzellenten Komponistin und ihrem wundervoll melodischen Werk in Kürze gesondert mehr auf Zoolamar.

www.theoangelopoulos.com/

www.dustoftime.de

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