Editors zünden das ewige Licht der Achtziger neu an
Gitarren weg – Ach Du Schreck! Mein spontaner Gedanke bei den ersten Akkorden von In This Light And in This Evening, dem neuen Album der Editors. Statt der gewohnten Gitarrenriffs mit Grand Piano Eskorte eine Breitwand Keyboards.
Höchst irritiert und zunächst widerwillig lasse ich mich auf das Abenteuer ein, eine Band neu zu entdecken, die sich offenbar neu erfunden hat.
Stück für Stück weicht beim Anhören meine anfängliche Skepsis gegenüber der Wandlung der Band, die sich in der Veränderung auf bemerkenswerte Weise treu geblieben ist.
Das Düstere der Editors-Hymnen hat sich durch die Kälte, Leere und Weite von Synthesizer und Elektronik und Maschinenbeats neue Räume erschlossen und damit zu den unüberhörbaren großen Vorbildern aus den Achtzigern aufgeschlossen.
Es brodelt förmlich vor Spannung in den Synthie-Schichten und jedes Mal, wenn der Bariton von einsetzt, meint man mitzuerleben, wie er versucht, sich in dieser fremden, distanzierten Soundwelt zurecht zu finden, die er zugleich als seine neue Heimat annimmt.
Bereits der Titelsong, der auf den Spuren der Metropole London wandelt und ihren urbanen Klang einzufangen versucht, macht einem klar, dass die Editors näher an den Achtzigern sind als jede andere Band in diesem Jahrtausend. Besser noch, sie sind mittendrin, weil die studierten Musiker ihre Herkunfts-Hausaufgaben gründlich gemacht haben.
Dynamik und Dichte, Schwere und Transparenz durchziehen die 9 Lieder, die einen ganz eigenen Sog entwickeln mit ihrem A-Ha Effekt trifft New Order Magie auf einen Depeche Mode Cocktail in der Kraftwerk Kathedrale beim Art of Noise Festival zu Orchestral Manoeuvres in The Dark.
Mal schwebend, mal treibend zelebrieren die Editors Klang als Hall und Echo mit knochentrocken kühlen Rhythmen und spielen sich so weit weg von der oft zitierten Konkurrenz zu Interpol oder unsinnigen Vergleichen mit Coldplay.
Hier erschließen die Briten trotz aller Retroeffekte ureigenes Terrain und schaffen dabei das Kunststück, eine große Musikepoche tatsächlich nicht nur nachzuahmen, sondern neu zu beleben. In seinen besten Momenten ist dieses Albums gar zum Niederknien.
Nämlich dann, wenn Tom Smith wie der wieder auferstandene Ian Curtis singt und die Band wie mein Lieblingsalbum von Joy Division klingt: Closer. Keine Frage, dass dieses monumentale Album gleich nach den Editors in meinem Player landete, um die emotionale Konditionierung gänzlich auszukosten.
“The big exit” ist so ein dunkles Monster von Song, das einen unweigerlich an Joy Division Juwelen wie “Heart and soul” und “Decades” denken lässt. Verlorenheit auf den musikalischen Punkt gebracht. Mächtig!
Auch das nachfolgende “The Boxer”, in dem einmal dann doch über den Keyboards die Gitarren elegisch flimmern, atmet die Essenz der Einsamkeit auf sehr erhabene Weise. Hier ist die stimmliche Metamorphose perfekt. Curtis steht leibhaftig vor einem, er hat sich also doch nicht erhängt. Kurzes Aufatmen vor der Rückkehr auf den harten Boden der traurigen Realität.
Zusammen mit Anton Corbijns traurig-schönem filmischen Denkmal “Control” ist das Editors-Album die wundervollste Art, an den großen Sänger des New Wave Zeitalters zu erinnern, der durch eigene Hand Opfer seiner Zerrissenheiten wurde.
Die Band der Stunde zieht ihr Nuevo-Depro-Ding gnadenlos durch und ihr gelingt damit ein Tondokument, das die menschliche Kälte, das Funktionalisierte unserer Zeit in faszinierend authentische Klänge übersetzt. Es läuft einem bisweilen eisig den Roboterrücken runter, wenn etwa “Eat Raw Meat = Blood Drool” das Elektro-Herz aus den Kabelschächten reißt.
Zum Schluss zündet Tom Smith in “Walk the Fleet Road”, begleitet von sphärischen Chorälen, doch noch eine flackernde Kerze in der Kapelle der Tristesse an. Etwas Hoffnung auf Licht bleibt also doch in der Finsternis. Den Editors sei Dank.
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