Musik - 25.10.09 -

30 Jahre Millionaires and Teddy Bears – Kevin Coynes Meisterwerk

Das 1979 erschienene Millionaires and Teddy Bears deutete schon vom Titel her eine Polarität an, die Kevin Coyne auf diesem grandiosen Songwriter-Rockalbum konsequent ausspielte.

Diese in Liebhaberkreisen zu hohen Preisen gehandelte Rarität ist nun endlich zumindest im mp3-Format wieder veröffentlicht worden.

Eine gute Gelegenheit, das brillante Werk und seinen Schöpfer angemessen zu würdigen und das Andenken an den 2004 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Musiker, Maler und Poeten dem Vergessen zu entreißen, der immerhin Nachfolger von Jim Morrison bei den Doors werden sollte, was Coyne allerdings ablehnte, weil er kein Popstar werden wollte.

Stattdessen schrieb sich der ehemalige Sozialarbeiter seine eigenen Erfahrungen mit Drogensüchtigen und Geisteskranken aus der Seele und damit stimmige Songs für seine markante raue Stimme auf den Leib.

Das Verrückte als Thema zieht sich wie ein roter Faden durch Coynes Musik und gipfelte auf Millionaires and Teddy Bears im diesen Zyklus abschließenden Song “The world is full of fools”, den ich persönlich zu den nachhaltigsten Balladen der Rockgeschichte zähle. Dazu später mehr.

Das Album insgesamt besticht als eine für die damalige Zeit auffällige, weil ungewöhnlich abwechslungsreiche und – wie das von Coyne selbst gemalte Cover-Design bereits andeutet – bunt-schillernde Mischung aus erdig-groovenden Rockelementen, spannenden Psychedlic-Versatzstücken und zum Heulen schönen Balladen von erlesener Melancholie sowie durch seine durchgängige enorme Ausdruckskraft.

Eine Platte voller Kraft, Mut und Intensität, vor allem aber auch von Wehmut und tiefer Traurigkeit gezeichnet, auf der Coyne als verletzlicher Beobachter der Welt seine eher skeptische Sicht darauf vermittelte, die bei allem Pessimismus eine optimistische und menschenfreundliche Grundhaltung vermittelt.

Dieses 30 Jahre alte, leider fast vergessene Meisterwerk markiert zum einen den frühen Höhepunkt im enorm produktiven Schaffen des Briten (34 offizielle Alben im Zeitraum von 33 Jahren), der von 1985 bis zu seinem Tod in seiner Wahlheimat Nürnberg lebte und arbeitete.

Zum anderen zählt Millionaires and Teddy Bears zu den herausragenden Alben seiner Zeit, was einem beim Wiederhören unweigerlich klar wird. Denn dieser ungeschliffene Diamant glänzt und funkelt auch heute noch als echtes Juwel der Songwriter-Kunst.

Angefangen bei der verstörenden Litanei “People”, in der Coynes Gebetsmühlen artiger Gesang zunächst von monoton hallenden Gitarrenechos umgeben wird, ehe sich die Drums aus dem Hintergrund nach vorne drängen und die düstere Elegie ins Bewusstsein klöppeln. Schon dieser im besten Sinne merkwürdige Song lässt einen erahnen, dass man hier keinem Durchschnittswerk lauscht.

“Having a party” ist ein bluesiger Stampfer mit filigranen Gitarrenverzierungen im Stile des frühen Nils Lofgren, der wie Coyne selbst einer breiteren Öffentlichkeit erst durch den WDR Rockpalast bekannt wurde. Zupackend und einprägsam, ein verquerer, mystisch anmutender Ohrwurm, der sich durch die Hintertür des Hirns ins Langzeitgedächtnis schält.

Fast fröhlich schon und beschwingt im luftigen Pop-Kleidchen tanzt “I´ll go too” als gekonntes Täuschungsmanöver vorbei, das vorgaukelt, des Sängers Gemütszustand wäre von Heiterkeit und Leichtigkeit geprägt. In “I´m just a man” mit schwermütiger Orgel und Akkordeonschleife findet der Sänger seinen Grundton der Traurigkeit zurück.

Coyne konterkariert diesen gleich wieder durch einen clever aufgebauten, Ragtime basierten Song mit Klimper-Piano, harten Akustikgitarrenschlägen und abermals akzentuiertem Orgeleinsatz zum Schrammler “Pretty Park”, der zu den bekanntesten Liedern des Musikers zählt.

Eine spannungsreiche Komposition samt Bridge, die kurz Sommer und Sonnenschein in den hübschen Park lässt. Es ist nicht zuletzt auch dieses gekonnte Wechselspiel der Emotionen, das dieses Album zu einem in seiner Art unvergleichlichen macht.

Fast einem Mahlstrom von Gefühlen gleicht das schleppende, mit schwer keuchenden Bass- und Gitarrensaiten pumpende “Let me be with you”, das sich mit spitzen Hi-Hats ins Gehör bohrt.

Ein anrührendes kleines Märchen gelingt Coyne mit dem sensiblen, Traum verlorenen “Marigold” und danach setzt er bei “Don´t blame Mandy” zum ersten Mal nicht auf den Tempowechsel, sondern auf Verstärkung und Vertiefung des gerade angesprochen Gefühls. Eine erneut intensive Hymne, die nicht mehr braucht als ein paar Orgeltöne, Gitarrenakkorde und Beats, um den Song in erhabene Höhen zu treiben.

“Little Miss Portobello” kommt mit bissigem, Funk sprühenden Bass als lockere, verspielte Ablenkung und stilistische Fingerübung daher und sorgt für kurze Entspannung, ehe die beiden sentimentalen Höhepunkte des Albums anstehen, bei denen ein ausreichender Vorrat an Tempotüchern dringend erforderlich ist.

Das von einem E-Piano sanft auf Händen getragene, von Marschrhythmus begleitete und in zärtliche Akkordeon-Tristesse gebettete “Wendy´s Dream” ist eines jener Liebeslieder, die man – einmal herein gelassen – nie wieder aus dem Herzen lässt. Auf Augenhöhe mit “Heaven Stood Still” etwa vom großen Willy de Ville, dem an dieser Stelle auch noch einmal gedacht sei.

Dieser Traum von Wendy ist dann auch das ideale Katapult zu einem Finale, wie es bewegender nicht sein kann. Das finale, in seiner schlichten Schönheit, Tiefe und Wahrheit förmlich überwältigende “The World Is Full Of Fools” ist einer meiner Songs für die Insel, für die Ewigkeit, ein mir heiliger Begleiter seit 30 Jahren.

Ich verbinde damit einen der emotionalen Erweckungsmomente meiner zahlreichen Begegnungen mit Musik und der lebenslangen Begeisterung und Leidenschaft dafür.

Als ich zum ersten Mal dieses todtraurige, einsame, ergreifende Lied hörte, war es zugleich das erste Mal, dass es mich ein Song ganz unvermittelt so anfasste, dass sich Tränen spontan freien Lauf suchten.

Immer wieder jagt mir dieses simple Lied mit seiner eingängigen Orgelphrase, Akustikgitarre und etwas Tambourin und seiner genialen Zeile “The world is full of fools but it doesn´t make them bad people/but it doesn´t make me a bad person….” Schauer über den Rücken und Gänsehaut auf die Arme.

Jeder Melancholiker wird sofort verstehen, was mich an diesem Juwel der Einfachheit aus kongenialer Text und Musik-Harmonie so berührt, wenn er diesen 3:13 Minuten langen denkwürdigen Song annimmt mit seinem Herz zerreißenden, menschlich anrührenden Existenzialismus.

Alles, was einem danach noch einfällt, ist der legendäre Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein: Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

P.S.: Zum 5. Todestag  im Dezember spielt Sohn Robert Coyne mit Band in Belgien einige Tribute-Konzerte zu Ehren des Vaters, in dessen Singer Songwriter-Fußstapfen er getreten ist.

www.kevincoyne.de



Kommentar schreiben