Konsum - 22.10.09 -

It's a jungle outside!

Jack Wolfskin von Markenrecht-Tollwut befallen

36803854

Wer bisher dachte, dass der Raubtierkapitalismus nur in den oberen Etagen von Banken, Versicherungen und Broker-Gesellschaften zuhause ist, wird jüngst durch ein Wolfsrudel von Marketing-Strategen und ihren Juristen eines Besseren belehrt.
Jack Wolfskin, seines – offenbar unantastbaren – Zeichens weltweit erfolgreiches Unternehmen für Outdoor-Bekleidung entblödet sich nicht, wegen angeblicher Verletzung von Urheber – und Markenrecht juristisch gegen eine Hobby-Handarbeiterin vorzugehen, die via Internetportal ihre Stickdateien feil geboten hat, u.a auch das Motiv eines Katzenpfotenabdrucks auf einem Deko-Kissen.

Das ist aus der anscheinend durch Büro-Schneeverwehungen getrübten Sicht des Unternehmens und seiner Anwälte Grund genug, eine Ähnlichkeit zu ihrem Markenlogo zu konstruieren und die Katzenliebhaberin des Wilderns im Territorium des Klamotten-Raubtieres zu bezichtigen und mit einer Abmahnung inklusive angedrohter Schadensersatzforderungen zu überziehen.

tatze_Puerto_Montt_CC_flickr

Pfotenabdruck Foto: Puerto Montt via Flickr © creative commons

Die wahrlich tollwütige Reaktion von Jack Wolfskin ist nicht nachzuvollziehen, weil es sich hier sicher nicht um einen Fall von klarer und unehrenhafter Trittbrettfahrerei oder gar um echte Markenpiraterie eines ernst zu nehmenden Konkurrenten handelt, sondern um Handarbeiten für häuslichen Gebrauch und Dekoration, die fernab jeder Bekleidung für Wildnis und Abenteuer sind.

Um ähnliche oder identische Waren, auf die sich das Unternehmen darum zu Recht bei der Wahrnehmung seiner wirtschaftlichen Interessen berufen könnte, handelt es sich hier also selbst bei kritischer Betrachtung nicht. Wenn überhaupt, dann verdient die Beklagte mit ihrer Katzenpfote bestenfalls in bescheidenem Maße an der Liebe zur Handarbeit und den Samtpfoten.

Keineswegs aber profitiert diese Dame von einem guten Marken-Namen (was sich ja nun hoffentlich bald ändert), der wohl kaum mit bestickten Kissen oder anderen Handarbeitsprodukten in Verbindung gebracht wird.
Abenteuerlich ist also allein die Auslegung des Markenrechtes beim Unternehmen und das höchst bedenkliche Vorgehen gegen diese und andere Do-It-Yourselfer, die es wagen, ähnliche Symboliken zu verwenden.

Mal abgesehen davon, dass hier rein gattungsmäßig Hunde (dazu zählen Wölfe nämlich) mit Katzen, also Äpfel mit Birnen verglichen werden, stellt sich die Frage, warum ein künstlerisch stilisiertes Symbol wie die Wolfskin-Tatze einen so weit reichenden Markenschutz genießen kann, der eigentlich nur im Kontext mit der kompletten Wort-Bildmarke gelten dürfte.

Es handelt sich also um nichts anderes als eine neuerliche, asoziale Machtdemonstration des Kapitals gegen den einfachen Bürger, bei der das Prinzip der freien Markwirtschaft in diesem Fall sozusagen mit Wolfspfoten getreten wird.
2006 gab es einen ähnlich irrsinnigen Versuch der mächtigen FIFA, bei der exklusiven Vermarktung des Turniers die Aussage “Fußball WM 2006” im vorgeschobenen Sponsoren-Interesse markenrechtlich schützen zu lassen, was potente und solvente Unternehmen wie Ferrero seinerseits vor Gericht zumindest teilweise zu verhindern wussten.

Nur leider haben die Davids der Handarbeit im Gegensatz zu solchen Wirtschaftsgiganten nicht den langen Atem und erst Recht nicht die nötige üppige Juristen-Vergütung in der Portokasse, um den Goliath Jack Wolfskin juristisch das verfilzte Fell über die Ohren zu ziehen.

In diesem Fall bleibt also wieder mal nur eins, um Recht in Gerechtigkeit zu verwandeln und den Handelsriesen zum Umsatzzwerg zu machen. Die geballte Macht des Verbrauchers, sprich der Marken-Boykott. Einfach keinen Klamotten mehr bei Jack kaufen, bis die Wölfe so richtig Grund zum Heulen haben.

Übrigens spielt gerade der langjährige Obdachlose Hans Schafspelz mit dem Gedanken, sich als Unternehmer selbstständig zu machen und unter seinem wohlklingenden Namen Outdoor-Kleidung aus Zeitungspapier und Müllsäcken für Sozialhilfe-Empfänger zu kreieren, die durch das juristische Verbot von Handarbeit arbeitslos geworden sind.
Das klingt zynisch?

Nicht mehr als das schamlose, jedes Sozialverhalten beschämende juristische Exempel, das Jack Wolfskin statuiert!

Welche fulminate Negativ-Schlagzeilen sich Jack Wolfskin mit dem Angriff eingehandelt hat, lässt sich unter anderem hier nachverfolgen:

Der Werbeblogger (hat das Thema aufgebracht):
Jack Wolfskin eröffnet den Abmahn-Herbst!

Der Spiegel:
Jack Wolfskin mahnt Bastler wegen Tatzen-Mustern ab

Das Handelsblatt:
Jack Wolfskin zeigt Hobbybastlern die Krallen

Die Presse:
Streit um Tatze: Jack Wolfskin geht gegen Bastler vor

Die Zeit:
Jack Wolfskin zeigt die Tatzen – «PR-Desaster»?

Die Tageszeitung:
Neues von der Tatze



Kommentar schreiben