Berliner Untergrund mit Loops und Gitarren: Lonski & Classen
Da kann man mal sehen – Nein hören! – wozu Grillpartys gut sein können. Auf einer solchen lernten sich der junge Pole Lukas Lonski und Felix Classen gegen Ende des kalten Krieges kennen und entdeckten den Frieden des gemeinsamen Musizierens als ideale Begegnung von Ost und West.
Aus der linksrheinischen Provinz zog es die Teenager nach Schulabschluss und Zivildienst um die Jahrtausendwende nach Berlin, wo das Duo seinen loopbasierten Post-Rock entwickelte und sich im Berliner Underground eine treue Fanschar erspielte, unter anderem mit Gratiskonzerten im Osthafen der Hauptstadt.
Mit ihrem zweiten Album “Climbing on Branches” ist den Freunden ein schönes Pop-Album gelungen, das von seiner ausgewogenen Balance aus Elektronik und akustischen Instrumenten lebt, mal mit etwas raueren Gitarren der Nirvana-Liebe der beiden Musiker huldigt und dann wieder wie im Titelsong richtig Low-Fi dahinschwebt.
Am Beginn und am Ende des Albums stehen zwei spannungsreiche Achtminüter, in denen sich Lonski und Classen Zeit lassen, ihre Songideen zu entwickeln und die deutlich machen, dass die Berliner bekennende und versierte Jam Sessioner sind, die auf gut gewählte Kontrapunkte setzen.
Dazwischen findet sich allerlei nicht alltägliche Songkost, die viel Raum für Entdeckungen lässt und abwechslungsreich serviert wird. Inklusive nicht weniger Höhepunkte, die sich bei nicht oberflächlichem Zuhören erschließen.
Da ist die Entspanntheit und Gelassenheit des schon erwähnten Titelsongs und des gleich anschließenden “Control.” Das sich steigernde und an Notwist und Radiohead erinnernde “The good old days”, das etwas experimenteller angelegte “Portland” mit seinen illustren Gitarrentwangs. Mit “Domestic violence” schließlich tanzen sich Lonski & Classen samt Tribal-Afrobeats a la Yeasayer und Vampire Weekend vollends in unsere Herzen.
Bleibt noch lobend zu erwähnen, dass es dem Berliner Label Matrosenblau/Indigo zu verdanken ist, dass dieses Album nicht nur in den Hinterhöfen vom Prenzlauer Berg die Runde macht, sondern aus dem Untergrund hoffentlich auch an die Oberfläche der Metropole und darüber hinaus gerät und dort viel Zuspruch findet.
Bei Matrosenblau ist übrigens gerade erst ein weiteres kleines Juwel der Liedkunst erschienen. Hinter dem “König von Honolulu” verbirgt sich kein geringerer als der fabelhafte Liedermacher Wenzel, der uns regelmäßig Alben schenkt, die das Prädikat “Besonders Hörenswert” tragen wie zuletzt seine Vertonung von Christoph Hein Gedichten unter dem Titel “Masken.”
Wenzels wieder einmal sehr lebendiges, vor Vitalität strotzendes Album von Schnulzen Shantys und schrägen Schlagern, u.a. mit seiner großartigen Hymne “Kamper Trinklied”, ist eine eigene Besprechung wert, die in Kürze folgt.
Nicht vergessen werden darf bei der Gelegenheit der Hinweis auf die filmische Groteske “Letztes aus der DaDaeR”, einem absurden Musik-Kabarett-Clownerie-Theater mit stark dadaistischem Einschlag, das den Untergang der sozialistischen Diktatur als ironisch-melancholischen Abgesang inszeniert.
Ein beeindruckendes Zeugnis von DDR-Protestkultur aus dem Jahr 1990, das Indigo rechtzeitig zu 20 Jahren Mauerfall auf DVD veröffentlicht hat.
www.lonskiandclassen.com
www.myspace.com/matrosenblau
www.myspace.com/letztesausderdadaer


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