Gefühlsdickicht der Großstädter: Kraussers Berliner “Short Cuts”
Auch wenn die literarische Welt in Deutschland derzeit den überraschenden Nobelpreis für Herta Müller feiert und China als neue Großmacht nun auch die Frankfurter Buchmesse zu erobern versucht, ist die interessanteste Neuigkeit in Sachen Literatur aus meiner Sicht jedoch ein Roman, der schlicht “Einsamkeit und Sex und Mitleid” betitelt und ein weiterer Beweis für die einsame Klasse des Autors Helmut Krausser ist.
Der 45jährige gebürtige Esslinger hat in den vergangenen 20 Jahren ein Oeuvre vorgelegt, das an Produktivität, Kreativität und Originalität kaum zu übertreffen ist und beherrscht dabei offensichtlich alle Klaviaturen von Form und Ausdruck. Eines seiner immer wiederkehrenden Hauptmotive ist die Fragilität des Menschen und seines Verhaltens in existenziellen Situationen.
“Einsamkeit und Sex und Mitleid” präsentiert auf ähnliche Weise wie Kraussers auch als Trash-Oper bezeichnetes Theaterstück “Haltestelle Geister” ein Panoptikum von Figuren, die der Autor geschickt an und um einen zentralen Dreh- und Angelpunkt führt, um ein Panorama der Gegenwart zu skizzieren. Was ihm dank seiner Wahrnehmungs-Sensibilität und der Stilsicherheit seiner Sprache vortrefflich gelingt.
Krausser entwirft in seinem Episodenroman auf 213 Seiten ein Gesellschafts- und Sittenbild, das die Höhen und Tiefen urbaner Lebenswirklichkeiten und -befindlichkeiten trennscharf zeichnet und durch die geschickte Verquickung von menschlichen Begegnungen Klassengrenzen aufhebt und durchmischt, die Mitte und die Ränder der Gesellschaft verwebt zu einem Geflecht, einem unausweichlichen Dickicht von Existenz, in dem die Bewertung von oben und unten durchaus auch nur eine Frage der jeweils individuellen Perspektive sein kann.
Wie ein Fischer wirft der Autor sein fein gesponnenes Netz über die Großstadt Berlin, das er immer dichter zuzieht, um die menschlichen Fische darin zappeln zu lassen in den Gezeiten der Gefühle, denen sie ausgesetzt sind und im Strom des Kapitalismus, der die Bedingungen setzt für alles Handeln. Dass die Käuflichkeit von Liebe eine zentrale Rolle im HAndlungsrahmen spielt, kommt nicht von ungefähr.
Krausser vertraut bei seinem satirischen galligen Blick auf die emotional verwaisten Reservate des Menschseins ganz auf die Macht des Zufalls, dem er freien Lauf durch dieses Roman-Szenario gestattet, kunstvoll gestaltet durch den Autor als Drahtzieher an den menschlichen Marionetten.
Mit lakonischem, ironischem Blick nimmt Krausser die Lebensweisheit “Unverhofft kommt oft” ins Visier und zeigt unter dem Brennglas seiner präzisen Beobachtungen, wie sehr der Mensch doch mehrheitlich fremd bestimmt statt selbst bestimmt ist, wie leicht er in Situationen gerät, die ihn in Abhängigkeiten bringen oder nötigen, sich und seine Sichtweisen den Gegebenheiten der Realität anzupassen.
Krausser liest:
* 13.10.2009 Berlin
* 22.10.2009 Göttingen
* 05.11.2009 Bamberg
* 06.11.2009 Schwabach
* 07.11.2009 Bielefeld
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In diesem Berlin des 21. Jahrhunderts sind im Grunde genommen alle einsam, weil ständig auf der verzweifelten Jagd nach Liebe, Zuneigung und Anerkennung, auf der Suche nach ihrem Platz und ihrer Bedeutung, dem Schicksal Zufall ausgeliefert, das in einer Sekunde das flüchtige Glück verspricht und in der nächsten den freien Fall ins Bodenlose.
Bemitleidenswert hingegen – wie der Titel fintenreich suggeriert – sind die Figuren kaum, die einem wie vertraute Fremde erscheinen, merkwürdige Gestalten mit seltsamem Verhalten.
So wie der Autor die Stadt mit seinen Figuren durchstreift, so streift er deren Bedürfnisse und Sehnsüchte, deren Ängste und Perspektiven. Der präzise Blick Kraussers, übersetzt in ebenso präzise, messerscharfe Sprache entlarvt nicht nur die personalen Befindlichkeiten des modernen Menschen als zuletzt doch sehr egoistische, sondern zeigt auch in der durchgehenden Bedürftigkeit der Protagonisten deren Zerrissenheiten und Widersprüche.
Sexuelle Begegnungen sind in diesem Kaleidoskop der menschlichen Irrungen und Wirrungen so etwas wie Lebens- und Beruhigungsmittel, Grundnahrung für emotionale Defizite, Vergewisserung des Daseins, kurzfristige Überwindungen der Vereinsamung, Erspürungen von Berührbarkeit in einer zunehmend distanzierten, unempathischen Welt.
Spiegelung und Abbild einer Realität, in der es kaum noch wirkliches sexuelles Begehren gibt, die Erotik zum beziehungslosen Tauschhandel körperlicher Befriedigung erhebt. Geld regiert bereits auch die sinnliche Welt, eine Sinn und Sein entleerte, durch Haben geprägte und dominierte und auf diese Weise zunehmend entwertete Welt.
Mit hohem Erzähltempo, einem sich immer mehr verdichtenden Geflecht der Einzelgeschichten zu einem gordischen Knoten von Beziehungen knüpft Krausser hier an seinen exzellenten Debütroman “Fette Welt” aus dem Berbermilieu an, der von ähnlich schonungsloser Offenheit und Direktheit ist und die Leser seinerzeit wie ein Fausthieb auf den Solar Plexus traf in seiner geballten Darstellung von auch seinerzeit bereits Einsamkeit, Sex und Mitleid.
Seit dem seligen Thomas Bernhard hat in deutscher Sprache niemand mehr so mikroskopisch genau und fesselnd geschrieben und es so treffend verstanden, den Leser als Beobachter anderer Leben unmittelbar zum Betrachter der eigenen Existenz, ihrer Umstände und des damit einhergehenden reaktiven Verhaltens zu machen. Krausser führt uns den Zustand der Welt und ihr Dilemma vor Augen, mit dem kühlen, sezierenden Blick des satirischen Chronisten.
Spannender, unterhaltsamer, dichter, niveauvoller und lebensnaher kann Literatur kaum sein.
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