Psychedelic Power mit Pink Floyd Magie: Porcupine Tree
Es wird höchste Zeit, über eine Band zu reden, die vergleichsweise wenige kennen, obwohl sie doch den vielen etwas zu bieten hat, die leidenschaftliche Anhänger von virtuoser Rockmusik sind, weit entfernt von jeder Mainstream-Anbiederung.
Vielschichtige Rockmusik, die so voller Wendungen und Wandlungen steckt, dass es bei jedem Hören wieder etwas Neues zu entdecken gibt.
Die Band heißt Porcupine Tree und ihr neuestes Opus magnum The Incident ist der gegebene Anlass, um die mit Abstand wichtigsten Psychedelic-Prog-Rocker der Gegenwart ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu bringen.
Davon kann man sich in Kürze auch live überzeugen >> TICKETS
Das zehnte Studioalbum des britischen Quartetts um Mastermind Steven Wilson ist wie die neun vorherigen eine Entdeckungsreise in unbekanntes Soundland, ein audiophiles Paradies der konzeptionellen Experimentierfreude, die geneigten Hörern eine Art disziplinierte Jam Session von musikalischen Ideen offeriert, die nicht wild umherwuchern, sondern innerhalb eines straffen Entwurfs alle Freiheiten entfalten dürfen.
Schon, dass eine Band es heutzutage überhaupt wagt, ein 55minütiges Titelstück wie im Falle von “The Incident” anzubieten, grenzt an eine wahnwitzige Expedition ins Ungewisse, der man aber umso lieber folgt, da der Suchende in ungehörtes Klangterrain vordringt, in dem er ununterbrochen akustische Neuerungen findet.
Ja, diese musikalische Instanz ist wirklich der helle, erhellende Wahnsinn.
Das Grandiose an diesen Progheads ist, dass ihre Musik einerseits wie aus der Zeit gefallen scheint und andererseits höchst zeitgemäß ist, so schnell und wechselvoll wie das Internet-Jahrtausend, immer zwischen dem Drang zur Beschleunigung und dem Hang zur Entschleunigung schwingend, zwischen Industrial, Metal, Rock und Pop, alle Energien der Gegenwart absorbierend und eine Ahnung vom Sound der Zukunft vermittelnd.
Porcupine Tree sind für die Musik, was Steven Spielberg für den Film ist, visionär, doch dabei mit den Beinen fest in der Realität. Angetrieben von ihrem Kopf Steven Wilson, einem umtriebigen, ruhelosen Musiker, der offenbar ununterbrochen seine Grenzen austesten und ausreizen, am besten überschreiten muss.
Und so klingt “The Incident” dann konsequenterweise wie nichts anderes, auch wenn es immer wieder Vergleiche zu Pink Floyd gibt, die Wilson allerdings zurückweist. Fest steht jedenfalls, dass dieser Musiker alles in sich aufgesogen hat, was es an progressiver Musik bisher gegeben hat.
Von King Crimson, Van der Graaf Generator, Gentle Giant über die frühen Genesis, Emerson, Lake and Palmer und die unverkennbaren Einflüsse deutscher Kult-Bands wie Kraftwerk und Can und eben die Psychedelic Ikonen von Pink Floyd bis hin zu Grenzgängern wie der schwedischen Metalband Opeth, die Wilson auch bereits produzierte, ist alles präsent, was Querverweise in innovative Klangwelten der Rock zulässt.
So wie sie aus dem Vollen des Inspirationsfundus schöpfen, so reichhaltig schütten Porcupine Tree es als musikalische Wundertüte immer wieder aus. Im besten Sinne progressiv, immer in einer Vorwärtsbewegung, neugierig, inspiriert.
Das hier sind Stücke, zu denen man früher Halluzinogene eingeworfen hat. Bei Porcupine Tree reicht es allerdings, dass Ihre Alben wahre Klangdrogen sind, die Trips ins Unterbewusstsein bewirken und Kopfhörern echte Rauschzustände bereiten können.
Voller Spannung und Geheimnis, voller Dynamik und Dichte, voller archaischem Pathos und dann wieder lyrisch filigran, sensibel und subtil, immer aber substanziell.
Ein Kosmos der Möglichkeiten, die populäre Musik bietet.
Bevor der Ohrtrommler sich in weiteren Superlativen verliert, die schlichte Aufforderung, sich Porcupine Tree und ihrem Werk, nicht nur dem aktuellen, bei Gelegnhiet mal ganz in Ruhe anzuvertrauen: Kopfhörer auf und durchhören bis Ihr vergessen habt, welcher Tag eigentlich ist.
Am besten gleich hinterher Steven Wilsons nicht minder beeindruckendes Soloalbum “Insurgentes” einwerfen und noch tiefer versinken in dieser Atem beraubenden, unbeschreiblichen, unvergleichlichen Musik, die nicht weniger will und kann als alles.
Verneigung!
Porcupine Tree The Incident Tour 2009
P.S: Als Zugabe empfehle ich das aktuelle Album des ebenfalls sehr experimentierfreudigen kanadischen Songwriters Patrick Watson “Wooden arms,” das in seiner konzeptionellen Ausrichtung und kammermusikalischen Verschrobenheit eine Art Seelenverwandtschaft zu Steven Wilsons Klangdimensionen aufweist und etwas Ähnliches mit anderen Mitteln zu transportieren versucht. Ebenfalls höchst hörenswert.




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