Musik - 18.09.09 -

Arktisch 1: Alles andere als Humbug – Arctic Monkeys werden relevant

All den Band-Hypes der letzten Dekade, in der fast monatlich eine neue junge ungestüme Gitarrenkombo auf den Schild der ultimativen Rock and Roll Entdeckung gehievt wurde, stand der Ohrtrommler meist mehr als skeptisch gegenüber.

Weil einem alten Sack da vergleichsweise wenig zu Ohren gekommen ist, was ihm wirklich neu erschien und dass er so oder ähnlich nicht meist schon besser gehört hätte. Sei es im Punk, New Wave, Grunge oder Britpop.

Ob Strokes oder Hives, ob Mando Diao oder Maximo Park, ob Franz Ferdinand oder Glasvegas, irgendwie schien mir die helle Begeisterung nicht selten viel zu laut um ein relatives Nichts zu lärmen.

Ausnahme: Die Arctic Monkeys, deren beide Album-Erstlinge einerseits eine erfrischend raue, fast rüde Art hatten, zugleich erahnen ließen, dass hier hinter all der jugendlichen Wut und Glut auch ein erwachsenes Songwriting lauert, das nur darauf wartet, sich Bahn zu brechen.

Wirkte der schon im Titel trotzige Erstling “Whatever People Say I Am, That´s What I´m not” in seiner ungehobelten Art und unbekümmerten Attitüde noch etwas skizzenhaft, dafür aber überwältigend straight und kompromisslos, setzte Album Nummer Zwei “Favourite Worst Nigtmare” bereits zu mehr Vielfalt an und Überraschungsmoment an.

Zwar auch hier reichlich Klampfenstampfer, aber die eine oder andere Volte in Richtung Ambition zeichnete sich bereits deutlich ab. Das oft über wirkliche Qualität und langen Atem entscheidende dritte Album löst die Versprechungen und Erwartungen nun endgültig ein. Kein Wunder, dass die Arctic Monkeys mit ihrem “Humbug” dann gleichzeitig zu Titelstories von Rolling Stone und Musik Express avancierten.

Zu Recht. Mit diesem neuen Werk werden mir die arktischen Affen jetzt zutiefst sympathisch, haben sie doch eine Handvoll wirklich spannender Songs geschrieben, in denen die gebündelte Wildheit ein paar Zügel bekommt und die Pferde nicht mehr einfach nur wild durchgehen, sondern gut durchgeritten einen willensstarken Charakter erhalten.

Hier ist jetzt kein Außenseiter mehr am Start, sondern ein echter Gewinnergaul, auf den man sichere Wetten abschließen kann.

Die Band um Alex Turner hat die dunklere Seite in sich entdeckt, die mehr ist als Aufbegehren, sondern ein Erspüren der eigenen Befindlichkeit, die sich hier das eine oder andere Mal mehr in Moll ausdrückt, Melancholie in die Aggression bettet und somit enorm an Spannung gewinnt.

Die Arctic Monkeys agieren immer noch mit der Frische und Chuzpe eines unterschätzen Newcomers, schlagen dabei aber Haken wie alte Hasen. Mal mit roher Kraft wie gewohnt, mal mit sehr ausgefeiltem, fast elegantem Songwriting, das näher an Bands wie I Am Kloot, Gravenhurst, The Walkmen und The National ist als an den sonst so gerne zitierten Referenzgrößen der berserkenden Sechssaiter (siehe oben).

Da gibt es nun viel mehr zwischen den Zeilen zu hören, ganz interessante Zwischentöne, seien es so raffinierte Riffsägen wie im Opener “The Propelller” mit seiner vorbildlichen Rhythmussektion, oder im schleppend-quirligen “Crying Lightning”, fast Chili-Peppers artige Grooves wie in “Dangerous Animals” oder “Potion Approaching” oder fast Morrisseyhafte Crooner-Avancen wie in “Fire And The Thud”.

Überhaupt fallen einem bei genauerem Hinhören öfter mal die guten alten Smiths ein bzw. deren mögliche Einflüsse angenehm auf. “Cornerstone” vor allem ist so ein Ding, wo man unweigerlich an die große Band denkt, die seinerzeit auch ungezügelt begann und dann immer mehr an Eleganz gewann. “Secret Door” ist auch aus diesem feinen Britholz geschnitzt.

Highlight für mich das mit spukiger Orgel und Gitarrenquerschlägern stramm voran marschierende “Dance Little Liar”. Solche extravaganten Songwriting-Asse hatten die Arctic Monkeys bisher noch nicht im Ärmel. Und mit “Pretty Visitors” schieben sie gleich noch so ein unverschämt schmissiges dreckiges Rock-Ding hinterher, das ihre Herkunft bezeugt.

Das Finale macht mit “The Jeweller´s Hands” klar, dass auch in Zukunft unbedingt mit weiteren Songjuwelen aus der Feder von Turner & Co. zu rechnen ist. Eine langsam sich mächtig aufbäumende Hymne mit Saitenfeuer von allen Seiten. Himmel und Hölle und großartiger Humbug.

Auf jeden Fall haben sich die Arctic Monkeys für mich damit jetzt zu einer wirklich relevanten Band entwickelt, die künftig als feste Größe betrachtet werden muss. Gratuliere zum dritten Streich!

www.arcticmonkeys.com



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