Musik - 12.08.09 -

Heaven stood still – Last Farewell to Willy DeVille

William Borsay alias Willy de Ville war und bleibt einer der ganz besonderen Musiker, die der Ohrtrommler aus tiefstem Herzen schätzte, bewunderte, verehrte und dessen Andenken weiter zu tragen mir ein wichtiges und aufrichtiges Anliegen ist.

Über ihn jetzt in der Vergangenheitsform zu schreiben, scheint mir fast irreal, so nahe ist mir dieser Willy de Ville, dessen Lieder mich seit dreißig Jahren begleiten, dessen unvergleichliche Stimme mir so vertraut im Ohr ist – dieses soulig krächzende Crooner-Organ, das klingt wie ein Aschenbecher voller Kippen zum Frühstück, heruntergespült mit einer Flasche Bourbon auf Ex.

Sein früher Tod ist ein schmerzlicher Verlust für jeden Musikliebhaber und fordert angemessene Trauerarbeit, die damit beginnen sollte, sein leider oft unterschätztes Schaffen zu würdigen und ihm den oberen Platz in der Musikgeschichte einzuräumen, der ihm gebührt.

Der im Zuge der Punkbewegung unter dem Bandetikett Mink DeVille bekannt gewordene Sänger und Gitarrist erfüllte alle Klischees eines Rock and Roll Stars auf der Schneide einer Rasierklinge und verkörperte damit die für Medien so dankbare Figur des Einzelgängers, Außenseiters und Losers, durch die ihm letztlich auch die ganz große Popularität versagt blieb.

Ein echter Typ war dieser in Harlem mit vielen Puertoricanischen Freunden aufgewachsene Willy de Ville, der dort wohl bereits die spanischen Elemente aufsaugte, die in seiner Musik immer wieder für Ausrufezeichen sorgten.

Aber dieser Ghetto-Bursche schien danach dann auch wie aus der Zeit gefallen mit seinen Hinterhof-Casanova-Attitüden, dem sichtbaren Drang nach sozialem Aufstieg samt Goldkettchen und weißen Rüschenhemden über dem mageren Tattoo-Körper, mit den ungelenken Don Juan-Gesten, dem Goldzahnlächeln, mit dem Rosen drapierten Mikrofonständer.

Vor allem aber mit dem tiefschwarzen Verständnis von Musik, das dieser Weiße hatte, ein Verständnis von Verschmelzung des Rock and Roll mit dem Erbe der spanischen Kultur in Amerika und vor allem mit den musikalischen Roots aus Blues, Gospel, Soul, Funk, Cajun, Zydeco, mit all den Schweiß treibenden Rhythmen und Einflüssen des amerikanischen Südens.

Südstaaten-Sinatra nannten ihn daher manche eher verächtlich. Wer darin die heimliche Hochachtung zu erkennen vermag, wählt diese Bezeichnung als die ausgewiesene Anerkennung, als die sie eigentlich gemeint ist.

Warum nun verdient dieser Künstler besondere Beachtung und dass er über seinen Tod hinaus von vielen, die ihn nicht oder kaum kannten, nachträglich und nachhaltig entdeckt wird?

Weil seine Musik das Essentielle hat, das den Unterschied zwischen gewöhnlich und außergewöhnlich ausmacht: Herzblut, Seele.

Die Hingabe und Leidenschaft, mit der Willy de Ville die Liebe besang, ihre magischen Momente von Sehnsucht und Begehren ebenso wie die Herz zerreißenden Augenblicke von Trennung, Verlust und Trauer, ist allein schon Grund genug, ihm allen Respekt und tiefe Zuneigung entgegenzubringen.

Willy de Ville wird in meiner Erinnerung stets einer der ganz großen Beschwörer der Liebe und einer der ganz großen Beklager von Liebesschmerz sein. Einer der letzten wirklichen Romantiker des Rock and Roll.

Und nicht zuletzt wird Willy de Ville für mich immer zu jenen wirklich open minded artists zählen, der auf dem Weg zu sich selbst jederzeit über den Tellerrand hinaus schaute, der stets bereit war, sich weiter zu entdecken und zu entwickeln – ein lebenslanger Schüler der verschiedenen musikalischen Einflüsse, die er kongenial in sein Werk überführte.

Willy de Ville ehrte und pflegte musikalische Traditionen, ging immer wieder an die Wurzeln des Blues zurück, aus dem die populären Genres sich speisen, um seiner Musik Tiefe, Farbe und Charakter zu verleihen. Was ihm oft vortrefflich gelang.

So beispielsweise mit einer großartigen Verbeugung vor den Mississippi-Legenden Allen Toussaint und Dr. John, die sein Talent förderten und ihn bewegten, dem unterkühlt rationalen New York den Rücken zu kehren und ins warmherzige, heißblütige New Orleans mit seinem brodelnden Gemisch aus allen Stilmixen umzusiedeln, wo de Ville dann auch wirklich eine musikalische Heimat fand.

Diese sehr gelungene Hommage an die Granden des Mississippi-Deltas namens “Victory mixture” fand zwar relativ wenig Beachtung, zählt aber trotzdem zu den schönsten Roots bezogenen Platten der Gegenwart und darf sich in eine Reihe stellen mit den beiden Big Easy-Monumenten von Dr. John “Going back to New Orleans” und “N´Awlinz Dis Dat or D´Udda”und dem in diesem Jahr erschienenen Jazz-Blues-Meisterwerk “The Bright Mississippi” von Willys Mentor Allen Toussaint. Beide Ikonen gaben sich übrigens seinerzeit auf de Villes Werk die Ehre am Piano.

Das musikalische Vermächtnis von Willy de Ville ist über diesen Meilenstein hinaus weit größer als seine eher geringe Popularität vermuten ließe. 18 offizielle Alben, darunter zwei hinreißende Live-Alben, einmal in kompletter Band-Besetzung das vor Lebendigkeit brodelnde “Live” und einmal das fantastische “Acoustic-Trio live in Berlin”, das eindrucksvoll dokumentiert, welch großartiger Performer Willy de Ville gewesen ist. Auch die jüngst erschienene Live-DVD “Live at Montreux 1994″ zeugt von der hohen Musikalität und Bühnen-Präsenz des Amerikaners.

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Ich selbst hatte das Glück, das Geschenk, Willy de Ville mehrmals live zu erleben. Und jedes Mal hat er mich und das gesamte Publikum im Kreise einer brillanten Band als passionierter Vollblutmusiker und sympathischer Entertainer überzeugt, der über eine Menge Charme verfügte.

Unerschütterlich steht da aus seinem Schaffen eine lange Reihe von superben Songs aller stilistischen Couleur. Da sind, um nur einige herauszuheben:

“Demasiado Corazon” – eine der besten, weil beseeltesten Latino-Rock-Hymnen aller Zeiten, die jede Party sofort in eine Tanzfläche verwandelt. ”Hey Joe” – die unvergleichlich entspannte und gute Laune verbreitende  Mariachi-Version des Hendrix-Klassikers, die de Ville große Anerkennung einbrachte. “Heaven stood still” – diese feine kleine riesengroße Ballade, die zum Schönsten gehört, wozu man Feuerzeuge anzünden kann.

Nicht zu vergessen den Cinemascope-Tränendrücker “I call your name” vom ebenfalls durchgängig erstklassigen Album “Backstreets of Desire” – ein am Rande des Kitsch balancierender Schmachter, der jedes voll geheulte Papiertaschentuch wert ist und eine fabelhafte Reminiszenz an alle großen Lovesongs der Fifties und Sixties ist wie etwa  ”Stand by me” von Ben E. King, das de Ville selbst auch liebevoll coverte.

Weitere charakterstarke Lieder sind zu erwähnen wie das faszinierende, hoch spannende Storytelling-Kurzepos “Spanish Jack” vom in Kooperation mit Mark Knopfler entstandenen sehr guten Album “Miracle.” Unbedingt empfohlen werden muss “Chieva” vom Album “Crow Jane Alley”, ein fiebrig schwitzendes Rhythm and Blues Teil mit schwer atmender Mundharmonika, das seinesgleichen sucht. Schmutzig bis in die Gedanken – famos!

“My own desire” von “Loup Garou,” das gespenstisch schöne Liebeslied voller Sehnsucht und Verlorenheit mit Streichern und Spinett gehört in jedes gut sortierte Songarchiv. Und schließlich ist da sein letztes Album “Pistola”, das von vorne bis hinten eine Offenbarung aller Qualitäten dieses großen Musikers ist. (Eine ausführliche CD-Besprechung findet Ihr hier auf Zoolamar)

Das diesen Zyklus abschließende Lied “Mountains of Manhattan” ist dann in der Nachbetrachtung so etwas wie Willy de Villes Schwanengesang. Wie eine indianische Botschaft aus den ewigen Jagdgründen – dunkel, schwer, mystisch. Der Pakt mit Manitu über das Jenseits, ein gesprochenes Rauchzeichen in die Lüfte.

Am 6. August stand der von ihm so leidenschaftlich besungene Himmel für einen Moment wirklich still. Wohl weil Gott es sich nicht nehmen ließ, Willy de Ville persönlich die Pforte zu öffnen.



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