Schöne Bescherung: Leise rieselt der Sting ab Oktober
Irgendwie scheint der gute alte Gordon Sumner seinen über lange Jahre so prächtig ausgeprägten Songwriterstachel eingebüßt zu haben. Jedenfalls hat man lange nichts Neues aus Stings eigener Feder vernommen.
Erst der überraschende Ausflug ins klassische Genre mit den “Songs from the Labyrinth”, dann die überaus erfolgreiche Reunion-Tour mit The Police und jetzt macht uns Sting gar den Weihnachtsmann mit zusammen gesammeltem Liedgut festlicher X-Mas-Oden.
“If on a winter´s night…” wird das Album heißen, dessen Erscheinen in Deutschland für den 23. Oktober angekündigt ist. Santa Sting huldigt darauf laut eigener Aussage seiner bevorzugten Jahreszeit Winter und spricht von einer musikalischen Reise. Klingt nach Schubert und Winterreise. Und die taucht auch prompt auf der CD auf, getarnt als englische Version von Der Leiermann alias “Hurdy gurdy man”.
Insgesamt aber scheint es sich bei Stings gesammelten Winternachtsträumereien wenigstens nicht um die sonst übliche und in Mode gekommene Wiederaufbereitung der immergleichen Weihnachtsklassiker zu handeln, sondern mehrheitlich um Raritäten und Fundstücke aus dem britischen Liederbuch, zum Teil sogar aus dem Mittelalter.
Dahingehend lässt sich vermuten, dass hier doch die eine oder andere musikalische Erleuchtung auf uns wartet und der Musikhimmel möglicherweise um ein paar Sterne bereichert wird. Vorausgesetzt Sting gelingt es, die Tradition des christlichen Festes mit der Moderne seiner musikalischen Fähigkeiten zu verbinden. Also eine Art Salto sakrale zu vollziehen.
Oder aber ist alles ganz anders und Sting versucht nur eine kreative Schaffenskrise zu überbrücken frei nach dem berühmten Musiker-Weihnachtsklassiker “Süßer die Kassen nie klingeln” ?
Folgt Sting also nur einem Trend, der uns in den letzten Jahren reihenweise X-Mas-Alben beschert hat von Loreena McKennitt über Aimee Mann und Sarah McLachlan bis Melissa Etheridge? Und er dachte, es wäre angesichts der weiblichen Dominanz mal wieder Zeit für einen echten Weihnachtsmann.
Das sei dem Ehrenmann Sting nicht unterstellt, dass er nur einem sehr einträglichen Trend folgt. Schade nur, dass er früher solche selbst gesetzt hat und dabei Songs für die Ewigkeit raus gehauen hat. Na ja, kommt jetzt eben auch ins Filzpantoffel- und Wärmflaschen-Alter der Mann.
Nehmen wir Sting lieber einfach mal ab, dass die kalte Jahreszeit dem Meister des Fachs “Spirituelles Liedgut” als Inspirationsquelle dient. Liedauswahl und das vorgesehene Instrumentarium geben jedenfalls Anlass zur Hoffnung. Und schließlich geht es Weihnachten ja auch um Glaube, Liebe, Hoffnung und nicht um Flat Screens, Digicams, iphones und Spielekonsolen.
Man darf zumindest gespannt sein, ob Sting mit “If on a winter´s night…” zum gefeierten Vivaldi der Popmusik aufsteigt und dann auch noch die restlichen drei Jahreszeiten angemessen vertont oder ob er einfach nur etwas populäre Hintergrundmusik für Glühwein und Spritzgebäck liefert.
Wollen wir mal das Beste für ihn annehmen und insgeheim hoffen, dass er sich jetzt keinen Bart wachsen lässt und den Rest seines Lebens Schlitten fährt, sondern uns dann endlich auch mal wieder eindrucksvolle Beweise seines fabelhaften Songwriting-Potenzials liefert und damit endliche einen Nachfolger für das Album “Sacred love”, das ja mittlerweile auch schon sechs Jahre jung ist.
Bis dahin “Frohes Fest” schon mal vom Ohrtrommler.
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