Große Kunst en miniature: Slinkachus einzigartige Street Art
Eine Entdeckung im wahrsten Sinne des Wortes ist die sehr originäre und höchst originelle Kunst des britischen Streetart-Künstlers Slinkachu, die handwerkliches Feingefühl mit philosophischem Tiefgang verbindet.
Die Werke des 30jährigen sind mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar, handelt es sich bei Slinkachus Installationen im öffentlichen Raum doch um in Szene gesetzte Figuren-Miniaturen. Seit 2006 stellt der Künstler mit akribisch bemalten Modelleisenbahnfiguren alltägliche Situationen her oder nach und platziert sie im Straßenbild von London an exponierten, von ihm sehr genau ausgewählten Stellen.
Da wird eine Asphalt-Landschaft von Zigarettenkippen plötzlich zum Wildgehege, eine abtrocknende Regenpfütze zum dramatischen Unfallschauplatz, das verlassene Trottoir zum Picknickplatz, wenig einladende Mülltonnen-Hinterhöfe zum Schmuggelraum für Erdnussflips, eine Fuge zwischen Bordsteinplatten zur Aussichtsplattform oder der Straßenrand in der City zum Miniatur-Straßenstrich.
Komödien und Dramen mit ganz gewöhnlichen, durch die extreme Verkleinerung aber außergewöhnlichen Panoramen. Das alles hält Slinkachu sinnvollerweise mit der Kamera für Publikum, eigenes Archiv und Nachwelt fest, denn seine Werke sind von äußerst geringer Halbwertzeit, weil den zahlreichen Widrigkeiten des alltäglichen Straßenlebens ausgesetzt - Wind und Wetter, Schritten und Tritten, der menschlichen Unachtsamkeit und der Zufälligkeit anheim gegeben.
Mit viel Sinn für skurrilen Humor und einer gehörigen Portion Sozialkritik thematisiert Slinkachu die Isolation und Einsamkeit der Großstädter und weist mit seinem Liliput-Konzept auf subtile Weise darauf hin wie leicht menschliche Einzelschicksale trotz medialer Dauerberieselung untergehen und übersehen werden.
Das Statement des Künstlers zur Unauffälligkeit und raschen Vergänglichkeit seiner Kunst kommentiert diesen Umstand folgendermaßen: “Ich mag den Gedanken, dass fast niemand meine Arbeiten sieht. Denn wir alle ignorieren absichtlich oder unabsichtlich vieles, das uns in einer Stadt umgibt.!
Selten habe ich in den letzten Jahren künstlerische Arbeiten gesehen, die so neu, unverbraucht und eigenständig sind, die gleichermaßen eine ungeheure Leichtigkeit und inhaltliches Gewicht haben und das wagen, was wirklich große Kunst auszeichnet: Den Mut zum Perspektivwechsel. Kunst, bei der es eine echte Freude ist, zu schauen, zu suchen, um schließlich ein A-ha-Erlebnis zu finden.
Das Buch “Little people” von Slinkachu ist jetzt auch in Deutschland als “Kleine Leute in der großen Stadt” erschienen und dokumentiert das Projekt auf schlichte, aber nachdrückliche Weise.
Nicht weniger skurril und subtil ist Slinkachus Projekt “Inner city snail”, bei dem er zum einen seine Miniaturfiguren und zum anderen die Häuser von Weinbergschnecken als Graffiti-Zone für kleine Botschaften nutzt, mit denen die Tiere dann durchs Dickicht der Stadt kriechen.
Mit seinem neuesten Kunstprojekt “Whatever happened to the men of tomorrow?” huldigt Slinkachu den großen Comichelden wie Superman und setzt ihre vermeintliche Übergröße in die rechte Relation. Das hat wahrhaft Chuzpe – großartig!
Würde mich sehr freuen, wenn diese inspirierte, ambitionierte und vor allem pointierte Kunst größere Aufmerksamkeit erfahren würde und Slinkachu vielleicht auch von der Documenta für die nächste Kunstweltausstellung entdeckt wird. Das wäre sicher ein großer Spaß für alle Besucher, das Gelände der Kasseler Weltklasse-Kunstshow mit der Lupe nach den Straßen-Geschichten des Briten abzusuchen.
www.slinkachu.com


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