Musik - 28.06.09 -

Damenwahl für Jazzromantiker: Asbjörnsen, Ekdahl und Gardot.

Im Bereich Smooth Jazz und Jazz Pop herrscht seit Jahren keine Langeweile, sondern im Gegenteil ein sehr kurzweiliges Treiben von neuen, sehr eigenen Stimmen. Abwechslung ist vor allem garantiert, was die ständig nachwachsenden Talente des weiblichen Geschlechts angeht.

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Melody Gardot

Von Norah Jones über Lizz Wright bis Katie Melua hat das sanfte, aber keineswegs seichte Harmonie- und Melodieempfinden Hochkonjunktur und sortiert bisweilen mit ganz jungen Talenten wie Sophie Hunger sogar echte Grenzgängerinnen aus dem Songwriter-Genre in diesen Pool von femininem Wohlklang.

Aktuell gibt es drei lobenswerte Neuerscheinungen der Sparte Easy Listening Jazz, die sehr unterschiedlich sind und trotzdem eines gemeinsam haben: Emotionale Relevanz.

Da sind zunächst zwei Skandinavierinnen. Was nicht sonderlich wundert, weil gerade auch der Bereich Songwriting von jungen Damen aus dem hohen Norden regelrecht und völlig zu Recht beherrscht wird: Allen voran die grandiose Schwedin Anna Ternheim und die phänomenale Dänin Tina Dico, zwei absolute Ausnahme-Musikpoetinnen, die einen auch live zu staunender Bewunderung bringen, gefolgt von Ane Brun, Kari Bremnes, Frida Hyvönen und einigen anderen Namen.

Etwas jazziger, aber durchaus seelenverwandt zu den vorgenannten Künstlerinnen präsentieren sich Kristin Asbjörnsen und Lisa Ekdahl. Nach ihrem veritablen Gospel-Erstling “Wayfaring stranger” setzt die Norwegerin Asbjörnsen bei ihrem zweiten Album “The night shines like the day” ganz auf Eigenkompositionen und ihre leicht angeraute, sofort einnehmende Stimme.

Die melancholischen, leicht dahin schwebenden Songs verbreiten sogleich eine Stimmung, wie sie frisch Verliebten ins Gesicht geschrieben steht. Auch wenn textlich der eine oder andere Wermutstropfen ins Empfinden fällt. Gleich im zweiten Stück “If this is the ending” mündet die Schwermut des Verlassenseins in passende wehklagende Gospelstimmung.

Weitere Anspieltipps: Das zarte “Snowflake”, der von Kulttrompeter Niels Petter Molvaer kunstvoll veredelte “Moment” und die wundervolle, stimmlich sich verzehrende Ballade “And I long to see you again”. Alles in allem mehr Moll als Dur, genau richtig für ein liebevolles Schmachten bei durchwachten Mittsommernachtsträumereien.

Leichter, aber nicht weniger gefühlvoll daher kommt die Schwedin Ekdahl, die mit “Give me that slow knowing smile” bereits ihr 10. Album vorlegt, wobei sie auf den meisten der Vorgänger in ihrer Muttersprache sang.

Stimmlich ist sie eher der Gegenentwurf zu Asbjörnsen. Mit ihrem hohen, mädchenhaften Timbre hat Ekdahl aber ein Pfund, mit dem sie sehr gekonnt wuchert und kokettiert: Lolita-Charme.

Gleich der leicht dahin gepfiffene Titelsong verdreht einem mit diesem leichten, aber durchaus liebenswerten Luderfeeling den Kopf und setzt sich als Ohrwurm in den Gehörgängen fest. Das Album ist mit nur neun Tracks zwar etwas kurz geraten, überzeugt aber über die gesamte Länge von knapp 37 Minuten.

Ekdahl setzt dabei auch auf etwas weniger konservativen Jazz-Klang und streut hier und da frische Elektronik und Beats ein, die ihren Songs einen eigenen modernen Sound verleihen.

Insgesamt hat das mit seiner vorgespielten Naivität einen bezaubernd verführerischen Charakter und verfügt über eine starke innere Verwandtschaft zum musikalischen Debüt von Schauspielerin Scarlett Johansson, der vergangenes Jahr mit ihren Tom Waits Coverversionen auf “Anywhere I lay my head” das vergleichbare Kunststück gelang, als erwachsene, sinnlich reife Frau mit backfischgleicher Unschuld zu betören.

Obschon mit diesen zwei starken Konkurrentinnen im Rennen, gilt es die Amerikanerin Melody Gardot besonders hervorzuheben. Bei der 25jährigen aus New Jersey steckt das Stil gebende Melody ja schon sinnfällig im Vornamen, dem ihr zweites Album “My one and only thrill” alle, aber auch wirklich alle Ehre macht.

Das ist ein richtig schönes Album für alle Sternschnuppenzähler, die mit anspruchsvollem Jazz romantische Dinner und Mitternachtsschieber zu zweit auf der Tanzfläche in Verbindung bringen. Voller Nostalgie, sehnsüchtiger Harmonie und ausbalancierter Empathie führt Melody Gardot hier vor, warum sie derzeit als einer der heißesten Tipps im Jazzgesang gilt.

Eingebettet in cool swingende Jazz-Klassik mit zarten Streichern und akzentuierten Bläsern legt Gardot, die erst nach einem schweren Autounfall, bei dem sie angefahren wurde, den Gesang für sich entdeckte, eine CD voller gefühlvoller und höchst einfühlsamer Liebeslieder vor, die teilweise echten Gänsehaut-Charakter haben.

Wie das intensiv auf die Sinne einwirkende “Your heart is as black as night”, das sich mit seinem Blues-Feeling und den seufzenden Bläsern tief in die Poren gräbt. Oder “Our love is easy”, das so gar nichts von dieser Leichtigkeit hat, sondern schmachtende Schwere. Der Titelsong ist eine fabelhafte, zu Herzen gehende Liebeserklärung, die pures Schwelgen vermittelt.

Und auch in ihrer freien Version des Klassikers “Somewhere over the rainbow” zeigt Gardot, dass sie eine Sängerin mit ganz eigener Färbung und Interpretationsgabe ist.

Das ist Vocal-Jazz vom Feinsten. Absolute Edel-Sahne-Schokolade. Von dieser jungen Frau mit der wunderbar vor Sinnlichkeit vibrierenden Stimme wird man in Zukunft sicher noch viel hören.

Absolute Top-Empfehlung für alle, die sich an schönen, hoch emotionale Stimmung verbreitenden Stimmen berauschen können.

Wer die Begeisterung des Ohrtrommlers für diese Damen nachfühlen will, tummelt sich hier:

www.kristinsong.com

www.lisaekdahl.com

www.myspace.com/melody



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