Musik - 19.06.09 -

Musikalisch-literarische Masken: Wenzel vertont kongenial Lyrik von Christoph Hein

(Hans Eckhard) Wenzel (der etwas tierische Vergleich sei mir gestattet und sogleich verziehen) ist ein echtes Trüffelschwein, was das Aufspüren schöner deutscher Texte angeht. Ein Entdecker von Kostbarkeiten, die uns als Hörer ebenfalls zu Entdeckern machen.

Denn der begnadete Liedermacher ist jemand, der solche raren Werke mit viel Herz, Hirn und Humor aufbereitet und aus der Verborgenheit für uns ans Licht holt.

Mit seiner neuen CD “Masken,” auf der er Gedichte des ansonsten hauptsächlich als Romancier bekannten Schriftstellers Christoph Hein singt, ist ihm das wieder aufs Vortrefflichste gelungen. Diese feine Gabe an uns lyrisch interessierte Zuhörer ist überdies ein schönes Geschenk an den Autor, der im April 65. Geburtstag feierte.

Wenzel, seines Zeichens selbst ein hervorragender Textschreiber, hat auch oder vielleicht gerade deshalb ein untrügliches Gespür dafür, die Verse anderer Autoren authentisch, uneigennützig, uneitel und mit viel Hingabe und Feingefühl bis hin zu spürbarer Liebe und Leidenschaft für die Werke zu vertonen.

Auf “Masken” gelingt es Wenzel – dank seines breiten Spektrums als  Multiinstrumentalist und Musikstilist – für jedes der 14 ausgewählten Gedichte von Christoph Hein den richtigen Ton zu finden. Vom heiteren Rondo über die besinnliche Volksweise bis tief in den klassischen Chanson reicht die Palette der musikalischen Klangtupfer, mit denen Wenzel das poetische Hein-Bild malt.

Sehr angemessen, weil auch die Lyrik Heins unterschiedliche Tonarten anschlägt. Die Dichtung des Autors hat mal melancholische, mal  märchenhafte Züge, umschleicht gelegentlich das Morbide und schwebt dann wieder in metaphysische Gefilde. Vor allem aber ist dieses Kaleidoskop von Stimmen und Stimmungen eines: zutiefst menschlich.

Bei Hein steht der Mensch mit seinen verschiedenen Eigenheiten und Unvollkommenheiten, mit seinen Hilflosigkeiten, aber dabei immer auch mit seinen Liebenswürdigkeiten im Mittelpunkt der lyrischen Betrachtung.

Das  Titelstück “Masken” dreht sich um die “Existenzfrage” der menschlichen Identität und dabei treten all die vielen Gesichter hervor, die diversen Masken, mit denen man sich schützt und seine Ängste, Schwächen und Unsicherheiten kaschiert, um mehr zu scheinen als man ist – oder weniger selbstbewusst – von sich selbst vermutet zu sein.

Das “Lied von der Haltbarkeit des Geldes” ist in Zeiten der materiellen Fragilität und der großen Zweifel am Sinn von Kapitalismus hoch aktuell und von feinsinniger Ironie. Zwischen den Zeilen steht die alles entscheidende Frage, ob angesichts der Vergänglichkeit des Seins das Haben überhaupt eine Bedeutung haben kann.

Dieser Text sollte all diesen lebensuntauglichen, gewissen- und morallosen Vermögenssammlern tief in die Hirnhautrinde tätowiert werden. Aber wahrscheinlich würden oder wollten sie die Botschaft ohnehin nicht verstehen und so werden diese wenigen weiter uns viele belügen, betrügen, ausbeuten und berauben. Klingt eigentlich alles so, als wäre ein klares, unmissverständliches “Nein” als Grußadresse an diese A-Sozialen der Moderne endlich fällig.

Genug echauffiert. Dank aber an Wenzel und Hein für diese wirksame Mahnung.

Das Album “Masken” jedenfalls ist voll von hochwertigem Gedankengut.

Pure Philosophie ist “Erinnern”, das anthropologische Fragestellungen aufwirft und mit ratlosem Schweigen antwortet. “Denn es sind zwei sich ausschließende Dinge: gut zu schlafen und sich gut zu erinnern.” Dieser reimlose, ungeschönte Refrain setzt einem zu, auch mit der musikalischen Hartnäckigkeit, die Wenzel hier produziert. Die Percussions klopfen einem regelrecht an den Schläfen bis das Gedächtnis zu pochen beginnt.

Neben solchen nachdenklich machenden Texten gibt es einige Liebeslieder auf “Masken” und diese in verschiedenen Gemütsschattierungen. “Ich frage nicht, ob Du mich liebst” beherbergt Zeilen völliger Hingabe an den einen, einzigen Menschen. “Lag ein Schnee”, gesungen von Karla Wenzel ist so zart und romantisch wie Winterweiß und ein wenig wehmütig.

“Sie kannte nicht die Lieder” kommt als Walzer für ein Liebesgedicht in Brecht-Manier durch die Gehörtür und mit jeder Drehung weicht die lustvolle Bewunderung der Weiblichkeit einem Mehr an Zweifeln und Selbstkritik am vermeintlichen Glück. Eine treffende Reflexion über die Oberflächlichkeit der Wahrnehmungen von Attraktivität.

Berührend und zu Tränen rührend schön ist die Trauerarbeit “Um eine Stunde nur” – ein wunderbar warmherziges Abschiedlied, das sich mit dem Gedanken des Scheidens durch den Tod beschäftigt und inbrünstig um Aufschub bittet, gegen die Vergänglichkeit anbetet. Mit leisem Piano und akustischer Gitarre trägt es den lieben Menschen in gemessenem Schritt zu Grabe und lässt die trauernden Gedanken einer Handvoll Blumen gleich nachrieseln.

Abschied schwingt auch im Schlusslied “Kehraus” mit, das eine Inventur des Lebens darstellt von einem, der sich für die falschen Werte entschieden hat und an den Punkt des Nicht-Mehr-Umkehren-Könnens kommt. Nicht so karg und kühl bilanzierend wie das berühmte Kahlschlag-Gedicht von Günter Eich, trotzdem nicht weniger nachdrücklich in seiner Wirkung.

“Masken” verdient das Prädikat: Besonders wertvoll und wird von Hörern, die gleichermaßen Interesse an Literatur und Musik haben, eine große Freude voller Muse und Muße sein.

Keinesfalls versäumen sollte man in diesem Zusammenhang, sich intensiv mit den Alben von Wenzel zu beschäftigen, auf denen er Texte der vergessenen Dichter Henriette Haill und Theodor Kramer (“Lieder am Rand” und “4 Uhr früh”) auf ebenso liebevolle Weise vertont und vor dem Vergessen bewahrt.

Wärmstens ans Herz lege ich vor allem “Strassenballade” mit Versen der kaum bekannten Dichterin Henriette Haill, ein Kleinod von Album mit poetisch-melancholischen Texten und sehr erwärmender Musik.

Nicht zu vergessen Wenzels eigenes werthaltiges musikalisches Wort-Werk, das wächst und wächst und nun durch den Verlag Matrosenblau eine verdiente und liebevoll aufbereitete Würdigung erfährt mit der Veröffentlichung des Liederbuches “Wenzel Hundert Lieder” – ein Text- und Notenbuch, das eindrucksvoll verdeutlicht, auf welch durchgängig hohem Niveau Wenzel seine Liedkunst betreibt.

Und das ist nur ein Zwischenstand.

Sehr beruhigend, dass es noch solche Kulturpfleger wie Wenzel gibt, die zudem ihre Stimme sowohl als lyrisches als auch politisch und gesellschaftlich mahnendes Instrument einsetzen.

Verbeugung!

www.wenzel-im-netz.de

Weiterhören: Wenzel natürlich, Konstantin Wecker, Franz-Josef Degenhardt, Wolf Biermann, Süverkrüp



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