Musik - 11.06.09 -

Denkwürdig: Allen Toussaint adelt das Mississippi-Delta

Manchmal, um genau zu sein höchst selten, widerfahren einem nahezu magische musikalische Momente, da bleibt einem nur eins: Einatmen, innehalten, zuhören, ausatmen, still lächeln und inbrünstig in sich hinein seufzen.

“The Bright Mississippi” von Altmeister Allen Toussaint ist ein solches Werk von beglückender Tiefe und zeitloser Schönheit, dass der Ohrtrommler es jetzt in aller geboten Kürze der Andacht und Demut hinaus in die Welt der offenen Ohren schwärmen möchte.

Mississippi Jazz und Blues vom Feinsten findet sich auf diesem Album der Extraklasse, auf dem der mittlerweile 71 Jahre alte Sohn der Stadt New Orleans der Wiege des Jazz auf eine Weise huldigt, wie es nur aus tiefer Liebe und Verbundenheit geschehen kann. Eine höchst denkwürdige und würdevolle Verbeugung des großen Musikers vor seiner Heimat.

In jeder Note so inspiriert, konzentriert und wundervoll ausbalanciert, dass man sich beim Anhören mitten ins French Quarter versetzt fühlt, wo an jeder Straßenecke, in jeder Bar mindestens ein Musiker spielt, der mehr Talent und vor allem Seele hat als alle Casting-Stars der Welt zusammen.

Gemeinsam mit Elvis Costello hatte Allen Toussaint der vom Hurrikan Katrina schwer heimgesuchten und völlig überschwemmten Stadt am Mississippi bereits 2006 ein musikalisches Denkmal mit “The river in reverse” gesetzt. Was der Piano man jetzt auf dem fast durchgehenden Instrumentalalbum (nur auf “Long long journey” setzt Toussaint seine Stimme ein) mit Hingabe zelebriert, ist schlicht nicht in Worte zu fassen.

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Toussaint interpretiert Songs der Creme de la Creme großer Roots-Musiker von Sydney Bechet, Jelly Roll Morton, Duke Ellington, Thelonious Monk und Django Reinhardt bis hin zu Traditionals wie “St. James Infirmary”. Mit sanft rollendem, subtil akzentuierendem Klavierspiel, das unter den Tastenmeistern des Jazz seinesgleichen sucht, denn diese Finger sind bis in die Kuppen voller Bluesgefühl und übertragen es in jeden Akkord.

Viele gute alte Melodie-Bekannte gehen einem da durchs Ohr, die man noch mit Nadelkratzern und Rauschen assoziiert, hier herrlich originalgetreu und dennoch völlig neu klingend aufpoliert. Besonders vertraut kommt einem die Old Satchmo Louis Armstrong bekannt gewordene musikalische Vorlage für das weltberühmte, unzählige Male gecoverte “Summertime” vor, der Song “Dear old southland”, der in den Credits dem Komponisten Raymond Bloch zugeschrieben wird.

Das alles kongenial begleitet von einer kleinen “Big Band” ehrwürdiger Namen: Don Byron, Nicholas Payton, Marc Ribot, David Piltch, Jay Bellerose, Brad Mehldau und Joshua Redman, allesamt echte Könner und Qualitätsgaranten. Und schließlich vom fabelhaften, wieder einmal höchst feinfühlig produzierenden Joe Henry in warmen, transparenten Klang übersetzt. Henry zeichnete schon für die ebenfalls sensible, stimmige Produktion von “The river in reverse” verantwortlich.

Höhepunkte herauszuheben macht keinen Sinn, ist diese runde Stunde Musik doch ein einziger Höhepunkt.

Mein persönlicher Mardi-Gras-Voodoo-Musikmeister Dr. John wird vor Freude und Rührung weinen, wenn er das hört. Und der mir über die Jahre ebenfalls sehr lieb gewordene Wahl New Orleanser Willy de Ville wird das Werk des großen Vorbilds Toussaint wahrscheinlich als tägliches Wunderheilmittel gegen seine Hepatitis C einsetzen, damit er bald selbst wieder am Songbook der Stadt weiterschreiben kann.

Zuletzt die ganze, mehr als verdiente Ehre aber dem Mann, dem sie gebührt: Allen Toussaint.

Begnadet. Beseelt. Berührend.

Meisterwerk!

Probehören gleich hier im Amazon-Player oben.

Weiterhören: Elvis Costello & Allen Toussaint: “The river in reverse”, Dr. John:”City that care forgot”,  ”Goin´back to New Orleans” N´Awlinz Dis Dat or D´Udda”, Willy de Ville: “Victory mixture”, “Pistola”, “Willy de Ville Acoustic Trio Live in Berlin”



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