Vorspiel in aller Öffentlichkeit: Iggy Pop als Chansonneur Mai 25
Da brat mir doch einer den guten alten Stooges-Punk-Storch! Was macht der Iggy Pop denn da auf seine alten Tage noch für Experimente? Und dazu mit völlig gegen seinen alten Rebellenstrich gebürstetem Liedgut, das man schon fast klassisch zu nennen wagt.
Entdeckt das hagere, magere Schlitzohr auf seinem neuen Album “Preliminaires” doch tatsächlich seine Ader für Chansons, jazzig anmutende Balladen und Artverwandtes und macht aus diesem “Vorspiel” einen halbstündigen Akt mit einigen Höhepunkten, französisch inklusive.
Die durchs harte Drogenleben gestählte und abgeriebene Stimme passt perfekt in dieses Pariser Club-, Revue- und Varieté-Feeling, das der bunt zusammen gewürfelte Musikantenstadtl anstimmt.
Als musikalische Klammer dient der existentialistisch gefärbte Chanson-Klassiker “Les feuilles mortes”, der in den fünfziger Jahren vom Grande Acteur und Balladeur Yves Montand in ewige Höhen befördert wurde.
Dieses traurige Lied von den fallenden Blättern, in anderen Versionen auch als “Autumn leaves” bekannt, nimmt Iggy in sprechsingender Serge-Gainsbourg-Attitüde mit reichlich Raspel im Hals als Ein- und Ausstieg einer für ihn sehr überraschenden Platte, die einen hin- und her reißt zwischen Verwunderung und Bewunderung.
Jedenfalls ist Pop hier selten Pop und schon gar nicht Punk, sondern Herr einer Stimme, die Stimmungen zwischen Tom Waits, Johnny Cash und Mark Lanegan verbreitet, also kohlenschwarze, abgründige Seelenlagen an der Grenze zur Morbidität.
“I want to go to the beach” ist eine depressiv gestimmte Ballade, der sich mit “King of dogs” sogleich eine muntere Dixieland-Cabaret-Nummer anschließt. Mit shuffelndem Bluesfeeling schüttet der zweite französisch gesungene Song “je sais que tu sais” sein Herz im Duett mit einer jungen Dame namens Lucie Aimé aus .
Dann landet Iggy zum zweiten Mal am Meer. “Spanish coast” spaziert irgendwie im Sonnenuntergangstempo vorbei bis dann etwas kommt, in dem man seinen alten Pop-Star wieder zu erkennen glaubt. “Nice to be dead” stimmt als Sujet des alten Hasardeurs und wirft erstmals ein paar E-Gitarren in den Ring.
Im schon in zigfachen Bar-Jazz-Versionen gehörten, hier etwas unjazzig arrangierten Klassiker “How insensitive” klingt Iggy plötzlich ganz sanft, fast wie sein Buddy Bowie bei “Bring me the disco king” vom “Reality”-Album des Meisters, von dem man auch schon lange nichts gehört hat. Wäre mal wieder Zeit für eine Überraschungstat des thin white duke.
Der Synthesizer-Pop von “Party time” ist eher belanglos, dafür begibt sich der Sänger mit “He´s dead, she´s alive” ganz auf die Baumwollfelder des Blues. Karge Kost. “A machine for Loving” bietet mehr eine Bühne für den Erzähler, der sich auch hier wieder im sonoren Sprechgesang übt.
Und “She´s a business” ist so eine Art Glam-Rock-Blues, der gut in Jim Jarmuschs Kult-Western “Dead man” mit Johnny Depp in der Rolle des William Blake gepasst hätte, wo Iggy Pop sich ja auch am Lagerfeuer im Wilden Westen rumlümmelt.
Musikalisch hat sich bei dieser großartigen Schwarzweiß-Moritat seinerzeit allerdings Neil Young verewigt, der den gesamten Soundtrack live zum Film einspielte. Ein lyrisches Gitarren-Gewitter sondergleichen, das dieses fabelhafte Erzählkino gen ewige Jagdgründe trägt wie das Kanu am Filmende unseren Lieblings-Depp.
Die zweite Fassung von “Les feuilles mortes” schließlich verabschiedet sich mit schwermütigem Saxophon und taumelt rotweintrunken in eine Pariser Herbstnacht, um der tristesse bonjour zu sagen.
Alles in allem ein etwas bizarrer Rollentausch von Iggy Pop, der aber durchaus ein paar besondere Reize hat. Was sicher auch die Live-Fassungen des Songreigens angeht, die Iggy während der diesjährigen Ruhrtriennale bei einem Konzert unter dem erfolgreichen Festival-Etikett “Century of song” darbieten wird.
Wäre aber auch schön, mal wieder dem angry old man zu begegnen, was ihm letztmalig wirklich eindrucksvoll mit “American Caesar” gelungen ist, einem Album, das allerdings aus dem Jahr 1993 datiert, das dafür aber mit “Wild America”, “F….n alone”, “Hate”, “Sickness” und vor allem “Mixing the colors”und “Jealousy” auch gleich ein halbes Dutzend der besten Iggy-Songs aller Zeiten versammelte.
Mehr unter www.iggypop.com

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